Risse im Altar

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 5. Dezember 2019 10:05:37 MEZ

Der ultrakonservative Erzbischof Wolfgang Haas verwandelte das Fürstentum Liechtenstein in eine pastorale Wüste. Doch der »Verein für eine offene Kirche« gibt Gegensteuer. Einblicke in ein kirchlich zerrissenes Land

Bild S. 10 Firmung

Bild: : Julian Konrad, Schaan
Erwin Kräutler, emeritierter Amazonien-Bischof, spendet jungen Liechtensteinern die Firmung – organisiert vom »Verein für eine Offene Kirche« Liechtenstein. Bischof Wolfgang Haas lehen sie als Firmspender ab

Der Duft von Apfelzimt liegt in der Luft. Mit einer einladenden Handbewegung bitten Gisela und Werner Meier in ihr lichtes Zuhause. In der Stube unweit der Quelle des ofenfrischen Wohlgeruchs schildern die Mitglieder des Vereins für eine offene Kirche und der Theologe Günther Boss, ebenfalls langjähriges Mitglied, die zerrissene Situation im Liechtensteiner Erzbistum. Das 36 000-Seelen-Erzbistum ächzt, seitdem der stramm rechtskatholische Bischof Wolfgang Haas im Zuge der Churer Wirren 1997 von Chur wegbefördert (besser: zwangsversetzt) wurde in das eigens für ihn neu errichtete Erzbistum Vaduz. Der Kaffee dampft, der Apfelstrudel mundet. Etwas amüsiert reagiert Gisela Meier, als
die Runde auf einen online-Eintrag auf Wikipedia angesprochen wird. Dort heisst es, dass sich gegen die Ernennung von »Wolfgang Haas zum ersten Erzbischof Widerstand regte, der aber wirkungslos« geblieben sei. »Wenn Haas und seine Entourage das so sehen wollen«, lächelt Gisela Meier milde, »ist das ihre Sichtweise«. Und im gleichen Atemzug ergänzt die langjährige Vizepräsidentin:

»Ich denke, dass unser Verein für eine offene Kirche für viele zu einer neuen kirchlichen Heimat geworden ist in den letzten 22 Jahren und sehr wohl eine starke Wirkung entfaltet hat.«

Dabei könnten die grossen Verdienste der Schwestern des Klosters St. Elisabeth nicht hoch genug eingeschätzt werden. »Die Schwestern wollten ganz bewusst Beheimatung bieten für die Katholikinnen und Katholiken, die mit dem Amtsantritt des Erzbischofs kirchlich heimatlos geworden waren«, so die 66-jährige Schellenbergerin. Das Frauenkloster St. Elisabeth in Schaan, das kirchenrechtlich nicht dem Erzbistum unterstellt ist und eng mit dem Verein für eine offene Kirche zusammenarbeitet, bilde mit dem Projekt »Brot und Rosen« einen Dreh- und Angelpunkt für das pastorale Wirken in dieser schwierigen Situation. Der Verein für eine offene Kirche zählt immerhin über 600 Mitglieder, vor
20 Jahren waren es etwa 800.

 

Eine pastorale Wüste
Der ungeliebte Kirchenfürst, dessen goldglänzender Bischofsstuhl in der zur Kathedrale erhobenen Dorfkirche von Vaduz prunkt, hat die Kirchenlandschaft des viertkleinsten Staats Europas gründlich umgepflügt.

»Ohne jede Rücksichtnahme auf Opfer hat sich das Bistum mit Wolfgang Haas an der Spitze vollständig etabliert«, konstatiert Theologe Günther Boss.

Der überdurchschnittlich grosse Widerstand – über 8000 Gläubige protestierten damals mit einer Petition gegen die Errichtung des Erzbistums – habe kirchenpolitisch in der Tat nichts bewirkt, so Boss. Kürzlich erst stellte er im Fenster, dem Magazin des Vereins für eine offene Kirche, fest: »Im Erzbistum Vaduz gibt es bald nur noch einen kirchlichen Beruf, nämlich den Pfarrer, den zölibatär lebenden Mann in schwarz.« Nicht geweihte qualifizierte Theologen und Seelsorgende – Diakone, Pastoralassistentinnen, Jugendarbeiter, Spitalseelsorgerinnen – haben entsprechend
dem klerikal hierarchischen Kirchen- und Amtsverständnis von Bischof Haas schon lange kein Brot mehr im Ländle
unweit der österreichischen Grenze. »Diese kirchlichen Ämter sind bei uns seit Jahren verschwunden«, beschreibt Boss die pastorale Wüste dieses ansonsten mit allen neoliberalen Wassern gewaschenen Fürstentums.

»Die Bevölkerung in den zehn Pfarreien Liechtensteins hat ein Bild von Kirche, wie es im 19. Jahrhundert vorherrschte.«

Als Kirche gelte das, ärgert sich der promovierte Theologe, was der Pfarrer, allenfalls noch der Kaplan, sagt und macht. Das bringt so manche kuriose Unannehmlichkeit mit sich. Zum Beispiel beim Firmunterricht in den Primarschulen, den manche Kapläne mit angsteinflössenden Höllenbildern vermitteln. Gleiches gilt für Messfeiern der Priester, die fast ausnahmslos aus den konservativsten Milieus des deutschssprachigen Raums stammen. Viele Eltern wollen denn auch ihre Sprösslinge nicht von Haas und seinen Priestern geformt und gefirmt sehen. »Hier springt der Verein für eine offene Kirche seit Jahren in die Bresche«, erklärt Theologe Boss. Schüler werden bei »Brot und Rosen« auf die Firmung vorbereitet und anschliessend im Kloster Einsiedeln oder in der Propstei St. Gerold in Vorarlberg gefirmt. Firmspender ist jeweils der inzwischen emeritierte Amazonasbischof Erwin Kräutler. Er stammt aus Vorarlberg und gehört zur Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut, die mit den Schaaner Schwestern eng verbunden ist. Neben einem monatlichen Sonntagsgottesdienst werden im Kloster St. Elisabeth zudem Erstkommunionunterricht und ausserschulischer Religionsunterricht, ein sogenannter kreativer Glaubensweg, angeboten. »Der Verein für eine offene Kirche hat sich von einer Protestbewegung zu einem pastoralen Ort entwickelt«, analysiert Boss. »Könnt ihr nicht auch noch Beerdigungen und Trauerfeiern machen? Und ein Begegnungszentrum und, und, und…? Alles, was dieses Bistum mit seinen etwa 60 (!) inkardinierten Priestern, die allesamt keinen Pastoralkurs absolvieren mussten, pastoral nicht auf die Reihe kriegt«, erklärt der Vaduzer Theologe weiter, »landet in Form von Anfragen bei uns«. Doch damit stösst der Verein, in dem viele ehrenamtlich und ohne Salär arbeiten, an seine Grenzen.

 

Keine Parallelkirche
Und theologisch stellt Boss klar: »Wir wollen keine eigene Kirche sein, wir sind ganz einfach katholisch und ein zivilrechtlicher Verein, der dafür Sorge trägt, dass die katholische Kirche offen bleibt für alle Getauften. «Dem dogmatisch versierten Theologen geht das tridentinisch-klerikalistische Kirchenverständnis von Erzbischof Haas gegen den Strich. «Unser Selbstverständnis ist am besten vergleichbar mit einer Personalpfarrei – wie etwa bei einer Studentengemeinde.» Geht es um die Sakramentenspendung, kann sich der Verein auf ein Netzwerk von Priestern stützen, die nicht zum Erzbistum gehören.
Aber, schränkt der 50-jährige Vaduzer ein, es könne kein pastoraler Allround-Service von der Wiege bis zur Bahre geboten werden. Grund dafür sind nicht zuletzt auch zu knappe Finanzen, die aus Mitgliederbeiträgen und Spenden zusammenkommen. Im Gegensatz dazu finanziert der Liechtensteiner Staat den Betrieb des Erzbistums mit Steuergeldern in Millionenhöhe. Rund 10 Millionen Schweizer Franken erhalten die zehn Pfarreien jährlich direkt aus den Kassen der politischen Gemeinden. Eine angedachte Mandatssteuer für die Religionsfinanzierung konnte bislang nicht umgesetzt werden. »Das schmerzt den Verein für eine offene Kirche«, sagt Werner Meier.

»Die Entfremdung zwischen der konservativen Gruppe von Gläubigen im Umfeld des Erzbischofs und »den anderen« ist »weit fortgeschritten«.

Man könne von zwei Lagern sprechen. Die wohl grösste Gruppe aber stelle jener Teil der Bevölkerung dar, der sich nicht mehr für die Belange der Kirche interessiere. Seine eigentliche Gefolgschaft habe Wolfgang Haas in erster Linie in sehr konservativen kirchlichen Kreisen wie etwa dem Priesterseminar der Petrusbruderschaft im allgäuischen Wigratzbad.


Vor diesem Hintergrund ist die publizistische Arbeit, die das Redaktionsteam um Günther Boss mit der Herausgabe des Magazins Fenster leistet, »enorm wichtig«. So werde der Kontakt zum weltkirchlichen Geschehen aufrechterhalten, betont Boss. Als Beispiel erwähnt er die jüngste Nummer, in welcher schwerpunktmässig über die Amazonas-Synode informiert wird. Dies auch deshalb, weil der bereits erwähnte, mit Liechtenstein, dem Kloster St. Elisabeth und dem Verein für eine offene Kirche eng verbundene Amazonien-Bischof Erwin Kräutler als Mitstreiter von Papst Franziskus bei der Vorbereitung und Behandlung wichtiger Reformanstösse massgeblich beteiligt war.

»Mit unserem Magazin Fenster bieten wir ein Fenster zur Weltkirche und können den Horizont über die eingeschränkte Katholizität in Liechtenstein hinaus weiten«, umreisst Günther Boss die publizistische Bedeutung der viermal jährlich erscheinenden Zeitschrift des Vereins.

Zudem sei das Fenster eine wichtige Stimme bei der anstehenden Neuordnung des Staatskirchenrechts, die in Liechtenstein für mehr Transparenz sorge und somit für die Möglichkeit partizipativer Mitgestaltung. Überhaupt habe sich mit Papst Franziskus das Blatt für den Verein für eine offene Kirche gewendet. Papst Franziskus spreche
in seiner Verkündigung immer wieder von einer »offenen Kirche«. Das lasse den Verein hoffen, dass nach dem altersbedingten Rücktritt von Wolfgang Haas im Jahr 2023 entweder ein offener Erzbischof nach Vaduz kommt – oder vielleicht werde das Erzbistum Vaduz dann auch wieder aufgelöst. Doch bis dahin wird noch so mancher Apfelstrudel bei den Meiers auf dem Tisch duften.

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