Von den Füssen auf den Kopf gestellt

Publiziert von Franz Osswald am 4. Oktober 2018 09:49:35 MESZ

Die Römisch-katholische Kirche sah Jahrzehnte lang weg, wenn es um Fälle von sexuellen Handlungen von Priestern ging – ein Skandal. Nun schaut sie bei einem Fall anlässlich der Pfarrwahl in der Pfarrei St. Franziskus in Riehen für einmal ganz genau hin… und wieder soll es nicht recht sein. Versäumte offene Information steht am Ursprung der Wirrnisse.

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Pfarrer R. (nennen wir ihn hier einmal so) hat schwere Zeiten hinter sich. 2010 wurde er verhaftet unter dem Verdacht, sexuelle Handlungen an einem Jugendlichen begangen zu haben. Einen Monat sei er in Untersuchungshaft gesessen, erzählt R., ein Albtraum. Angeklagt wurde er schliesslich, weil er einem knapp noch nicht 16-jährigen Jugendlichen die Füsse massiert hatte. Pfarrer R. war geständig; «ich war naiv, wollte meine Ausbildung in Massage anwenden können und habe das auf unbedarfte, unüberlegte Weise gemacht.». Wichtig ist ihm anzumerken, dass nie ein Kontakt im Genitalbereich stattgefunden habe, sich also alles auf die Massage der Füsse beschränkt habe.

Das sah auch die Staatsanwaltschaft so. Weil es sich um ein geringfügiges Vergehen handelte und der Angeklagte einsichtig war, kam es zu keiner Gerichtsverhandlung, sondern im Jahre 2012 zu einem Strafbefehl: 4000 Franken Busse bedingt mit einer Bewährungsfrist von drei Jahren. Pfarrer R. hat diesen Strafbefehl akzeptiert, «weil ich aus der Medienpräsenz heraus wollte. Eine Anfechtung hätte bedeutet, dass ich weiterhin in der Öffentlichkeit herumgereicht worden wäre. Das hätte ich schwer noch länger ausgehalten.»

 

Keine weiteren Anzeigen und kein Rückfall

«Ein Fehler», urteilt der Basler Advokat Stefan Suter, der die Riehener Pfarrwahlkommission präsidiert. «Ich bin überzeugt, dass die Anklage einer genauen Überprüfung nicht standgehalten hätte.» Pfarrer R. unterzog sich nach dem Vorfall aus eigenem Antrieb einer Psychotherapie, deren Ergebnis lautete: beim Klienten konnte keine pädophilen Neigungen festgestellt werden. Der Fall geriet auch in die Mühlen der Kongregation für Glaubensfragen in Rom. Auch diese kam zum Schluss, dass ein Verweis des Bischofs genüge. Ein Urteil, das in der Öffentlichkeit aufgrund der vielen ungesühnten Sexualdelikte in der römisch-katholischen Kirche wohl wenig Relevanz  für eine Meinungsbildung hätte – obwohl das Gremium über 800 Priester laisiert hat.

2015 – die Bewährungsfrist war ohne Vorfall abgelaufen – begann Pfarrer R. in Riehen aushilfsweise wieder zu arbeiten. Weil er seine Aufgaben gut erledigte, wurde er zusehends mehr in die Pfarreiarbeit eingebunden. Die Pfarreimitglieder waren mit ihrer Aushilfe zufrieden. «Ich war von Anfang an offen, habe meine Situation nicht verheimlicht, sondern angesprochen», sagt Pfarrer R. Als es galt, für die Pfarrei St. Franziskus einen neuen Pfarrer zu suchen, waren die guten Rückmeldungen auch der Pfarrwahlkommission nicht verborgen geblieben. «Wir haben den Pfarrkandidaten sehr sorgfältig geprüft», versichert Stefan Suter mit Nachdruck, «und ihn dann als Pfarrer vorgeschlagen.» An der Pfarreiversammlung sei kein einziger Einwand vorgebracht worden, «im Gegenteil, die Leute applaudierten sogar», führt Suter aus.

 

Bischof nimmt sich elf Monate Zeit

Aufgrund der Wahl in Riehen, nahm Bischof Felix Gmür in Solothurn das Bestätigungsverfahren auf. Es lagen ihm ein Gutachten der Glaubenskongregation und ein psychotherapeutisches vor. Zu wenig für ihn, um einen Entscheid fällen zu können und wollen. Er gab deshalb extern zwei weitere Gutachten in Auftrag: ein forensisches, das laut der Basler Tageswoche von der Psychologin Monika Egli-Alge vom Forensischen Institut Ostschweiz verfasst wurde. Bei der Beurteilung von möglicherweise pädophilen Straftätern wird das Institut von Behörden oft zu Rate gezogen. Und als zweites ein medizinisch-rechtliches Gutachten. Beide kamen zum Ergebnis, dass bei Pfarrer R. keinerlei Neigung zur Pädophilie festgestellt werden konnte. Stefan Suter dazu: «Beim forensischen Gutachten lautete das Ergebnis auf einer Skala von 1 bis 10 unmissverständliche 1, was bedeutet, dass keine pädophile Neigungen besteht.»

Elf Monate nahm sich Bischof Felix Gmür Zeit für die Prüfung, dann entschied er sich aufgrund der vorliegenden vier Gutachten und dem christlichen Gebot, einem Menschen eine zweite Chance zu gewähren, die Pfarrwahl zu bestätigen. Auf diesen Entscheid angesprochen, meinte Bistumssprecher Hansruedi Huber: «Ich hatte grosse Bedenken, denn ein solcher Entscheid ist zwar sehr mutig, wird sich aber aufgrund der politischen Lage negativ auf das Image der Kirche auswirken.» Bischof Felix Gmür indes habe den Willen der Riehener, die Gutachten und seinen dem Evangelium verpflichteten Auftrag über einen möglichen Imageschaden gestellt und dem Pfarrkandidaten eine Chance geben wollen, so Huber. «Die Resozialisierung nach dem Strafvollzug sei ein erklärtes gesellschaftliches Ziel», dem habe der Bischof bei seinem Entscheid Rechnung getragen.

 

Anonymes hüben wie drüben

Pfarrer R. könnte somit am 1. November seine Stelle als gewählter Pfarrer der Pfarrei St. Franziskus antreten. Könnte. Dass nun im Nachgang Unterschriften gesammelt werden, um eine Urnenwahl zu erreichen – einhundert sind nötig–, stört den Präsidenten der Pfarrwahlkommission, Stefan Suter nicht. Grund für seine Kritik sind Flyer, in denen zur Unterzeichnung aufgerufen wird: anonym. «Der Pfarrwahlkommission wurde mangelnde Transparenz vorgeworfen. In Personalangelegenheiten wird aber weder in der Privatwirtschaft noch in der Kirche der Öffentlichkeit Einsicht in sensible Personendaten gewährt.» Bei Unterschriftensammlungen bestehe aber auch in nicht kirchlichen Angelegenheiten die Pflicht, zu deklarieren, wer hinter der Sammlung steht, so Suter.

Mit Suters Aussage ist Marie-Christine Fankhauser, Vizepräsidentin des Pfarreirates durchaus einverstanden. Aber: «Im Moment sind die Fronten beidseits verhärtet. So werden auch Leute, die Unterschriften sammeln, eingeschüchtert und erhalten anonyme Briefe.» Fankhauser bedauert das Eine wie das Andere. «Der Frieden in der Pfarrei ist schwer angeschlagen. Was wir brauchen, ist eine Ausspracheveranstaltung, in der alle auf den gleichen Informationsstand gebracht werden.» Das, so sagt sie, habe man leider im Vorfeld versäumt. Wenn es zu einer Wahl an der Urne kommen sollte, wäre dies die vordringlichste Massnahme, so Fankhauser.

Das Versäumnis von Pfarreirat und Pfarrwahlkommission, offen über die Hintergründe zu informieren, taucht in Gesprächen mit Pfarreiangehörigen auf. Die Folgen sind Zerstrittenheit und Misstrauen, Gerüchte und Unruhe: für Pfarrer R. eine Neuauflage dessen, was er schon vor Jahren erlebt hat. Eine Situation, die ihn an die Grenzen seiner Belastbarkeit führt. «Ich habe mir schon überlegt, den Bettel hinzuschmeissen», sagt er offen. Aber: «Dann wäre dies zum Schaden jener, die mir in schweren Zeiten beigestanden sind und meine Arbeit schätzen.» Für Pfarrer R. ist alles wie ein Albtraum. Eine Fussmassage hat sein Leben auf den Kopf gestellt und holt ihn immer wieder ein.

Wie es die Gemeindemitglieder der Pfarrei St. Franziskus sehen, wird sich weisen. Die Unterschriften wurden am 27. September eingereicht, derzeit werden sie auf ihre Gültigkeit geprüft. Dazu der Präsident der Pfarrwahlkommission, Stefan Suter: «Ich gehe davon aus, dass einhundert gültige Unterschriften zusammengekommen sind. Das ist eine sehr bedauerliche Geschichte, die auf dem Rücken eines Menschen ausgetragen wird». Eine demokratische Urnenwahl wird über das Schicksal von Pfarrer R. entscheiden und wird das Pfarreileben von St. Franziskus prägen – egal, ob ein «Ja» oder ein «Nein» resultiert. Pfarreiratsvizepräsidentin Marie-Christine Fankhauser wünscht sich nur eines: in der Pfarrei wieder in Frieden Gottesdienst feiern zu können – mit allen zusammen.

Themen: Pfarrwahl Riehen, Missbrauchsvorwürfe

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