Priester auf Abwegen

Publiziert von Xaver Pfister am 26. April 2018 10:17:19 MESZ

Francesco Mangiacapra arbeitete sieben Jahre als Callboy für katholische Priester. Der gelernte Advokat merkte, dass er als Callboy bedeutend mehr verdient als in seinem gelernten Beruf. Nach und nach wurde ihm die Doppelmoral zu viel. Er veröffentlichte ein Buch: "Die Nummer eins - Bekenntnisse eines Callboys". Doch wo genau liegt der Skandal?

numero uno

Im Interview, das im Stern vom 28.3.2018 erschien, spricht Francesco Mangiacapra davon, dass seine Kunden kein Unrechtsbewusstsein hatten. "Ich habe versucht, mit den Priestern über ich Verhalten zu sprechen. Aber das war sinnlos. Die sagen dann Dinge wie, mach dir keine Sorgen. Jesus weiss, wie sehr ich ihn liebe." Interessant sind zwei weitere Aussagen aus diesem Interview: "Man merkt, dass sie nicht nur Sex käuflich erwerben, sondern auch die emotionale Nähe, Zuneigung.“. Verheiratete Männer hatten immer Angst, entdeckt zu werden: "Priester kümmern sich komischerweise nicht darum, ob man diskret vorgeht. Sie fühlen sich in ihrer Überlegenheit und Sonderrolle derart sicher, dass sie sich kaum um die Privatsphäre bei den Treffen scheren." Die Interviewer weisen auf das Diktum des Papstes: "Wer bin ich, dass ich über sie richte?" Mangiacapra nimmt zu diesem Diktum Stellung: "Ich habe Respekt vor Franziskus; ich finde, wir haben einiges gemeinsam." Aber aufgepasst, seine Aussage gilt nur, solange sie keinen Sex haben. Schöne Worte des Papstes ohne Umkehr. Das ist kein Fortschritt. Was hat das Dossier ausgelöst? Ein Pfarrer aus einer deutschen Stadt wurde suspendiert. Ein anderer hat seine Römer Eskapaden mit Kirchengeldern finanziert. Soweit die Geschichte, die in Italien in allen Zeitungen verhandelt wurde.

Mea culpa, der Brief des Papstes an die chilenischen Bischöfe

Fast gleichzeitig besuchte Papst Franziskus die chilenische Bischofskonferenz. Missbrauchsgeschichten beschäftigten die Bischöfe. Bischof Juan Barros wurde vorgeworfen, er habe vom Missbrauch durch seinen Freund und Mentor Pater Karadima gewusst, diesen aber gedeckt. Franziskus wies die Kritiker des Bischofs mit rüden Worten zurecht. Auf dem Rückflug nach Rom hat er sich für seine Wortwahl entschuldigt. Er habe einen schwerwiegenden Fehler gemacht, mangels wahrheitsgemässen und ausgewogenen Informationen habe er sich ein falsches Bild gemacht.  Im April erhalten die chilenischen Bischöfe einen Brief des Papstes. Viele Kommentatoren bewerten diesen Brief als ausserordentlich mutig. Noch nie habe ein Papst ein mea culpa gesprochen. Papst Johannes Paul II wollte im Jahr 2000 ein Mea culpa für die ganze Kirche sprechen und darin um Verzeihung für alle Schandtaten der Kirche bitten. Am 18.März 2000 hat er dieses Schuldbekenntnis gesprochen: "Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns vertrauensvoll zu Gott unserem Vater rufen, der barmherzig und langmütig ist, reich an Erbarmen, Liebe und Treue. Er möge die Reue seines Volkes annehmen, das in Demut seine Schuld bekennt, und ihm seine Barmherzigkeit schenke." Er spricht sechs Bereiche an, in denen die Kirche schuldig wurde: 1. Bekenntnis der Schuld im Dienst der Wahrheit. 2. Bekenntnis der Sünden gegen die Einheit des Leibes Christi. 3. Schuldbekenntnis im Verhältnis zu Israel. 5. Schuldbekenntnis für die Verfehlungen gegen die Liebe, den Frieden, die Rechte der Völker, die Achtung der Kulturen und Religionen. 5. Bekenntnis der Sünden gegen die Würde der Frau und die Einheit des Menschengeschlechtes. 6. Bekenntnis der Sünden auf dem Gebiet der Grundrechte der Person. Kardinal Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation versuchte dem Papst die Idee eines Schuldbekenntnisses madig zu machen. Dann hat er mit einer Theologenkommission eine Gebrauchsanweisung erarbeitet, die angibt, wie das Mea culpa des Papstes zu verstehen sei. So soll dem Missbrauch durch Kirchenhasser oder Medien vorgebeugt werden. Fürwahr ein Dokument der Angst, das dem Papst Vorschriften machen will. Ein Nachfolger dieses Präfekten, Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat diese Denkweise überhöht und behauptet, dass seine Kongregation über dem Papst stehe, wenn er Falsches lehrt. Mein Gott, welche Hybris von Ratzinger formuliert und von Müller, den Ratzinger einsetzte noch überhöht.

Das Mea culpa des Papstes markiert nicht bloss eine persönliche Umkehr des Papstes, sondern weist darauf hin, dass im System der Kirche grössere Korrekturen vorzunehmen sind.

Auch Päpste machen Fehler. Aber reicht eine Entschuldigung?

Matthias Drobinski von der Süddeutschen kommentiert die Situation. "Auch Päpste machen Fehler, und so ist es nur gut, dass Franziskus nun einräumt, schwere Fehler beim Umgang mit den Fällen von sexueller gemacht zu haben. Das Mea culpa des Papstes ist bemerkenswert. Das ist ein neuer Ton in der Kirche, wo in der Vergangenheit oft Schuldeingeständnis, Verteidigung und Larmoyanz nebeneinander standen. Die Sensibilität gegenüber solchen Fällen ist immer noch nicht selbstverständlich. Oft ist der Kirche ihr Ruf wichtiger als das Leid der Opfer. Selbst bei einem Papst, der genau das immer wieder als Krankheit dieser Kirche geisselt .“

Und jetzt? Ohne radikale Umkehr wird die Reihe der Skandale nicht abnehmen.  Es geht nicht bloss um einzelne Personen, sondern um das System Kirche im Ganzen. Da ist anzusetzen, wenn die Mea culpas glaubwürdig werden sollen.
Es gilt, ein neues Verständnis der Sexualität zu entwickeln. Ethiker und Moraltheologen haben da viel gearbeitet, konnten ihre Erkenntnisse nur im kleinen Kreis vortragen. Hätten sie sie publiziert, wären sie wohl nicht mehr Professoren.
Pädophilie kann ich nicht gutheissen, weil da ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer zu beobachten ist. Da müssen Gerichte untersuchen und entscheiden.

Schwule Priester Opfer des Systems Kirche?

Die Priester aber, die im Bericht von Francesco Mangiacapra genannt werden, sind sie nicht Opfer der geltenden kirchlichen Lehre, Opfer des Systems Kirche? Sie sind schwul. Das ist eine Spielart der Sexualität, die gelebt werden darf, weil sie im Wesenskern dieser Menschen angelegt ist. Sie dürfen aber ihre sexuelle Grundausrichtung nicht leben und müssen darum ins Zwielicht der Callboys abtauchen. Mangiacapra weist darauf hin: "Man merkt, dass sie nicht nur Sex käuflich erwerben, sondern auch die emotionale Nähe und Zuneigung". Lassen wir also schwule Priester ihre Sexualität leben! Und kämpfen wir im kirchlichen System für die Legalisierung ihres Handelns.

Xaver Pfister, Theologe und Publizist

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Der aufbruch interessiert sich für das, was an den Rändern der Konfessionen und Religionen aufbricht, und macht sich stark für eine gelebte Ökumene. Er engagiert sich in der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Religionen und ist gesellschaftskritisch präsent, wo es um christliche Werte geht.Der aufbruch deckt 6-mal im Jahr ein breites Themenspektrum aus Religion und Gesellschaft ab.

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