Wirren um Pfarrwahl in Riehen - die Urne soll es richten

Publiziert von Franz Osswald am 11. Oktober 2018 09:16:56 MESZ

Die Wahlordnung in Basel-Stadt sieht bei Pfarr- und Bestätigungswahlen das stille Verfahren vor. In Riehen haben 123 Stimmberechtigte eine Urnenwahl verlangt, 100 Unterschriften wären nötig gewesen. So kommt es erstmals seit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung zu einer Pfarrwahl per Wahlzettel.

riehen

123 Stimmberechtigte der Pfarrei St. Franziskus verlangen eine Urnenwahl des von der Pfarrwahlkommission bereits gewählten und vom Bischof bestätigten Pfarrers. Auslöser der Unterschriftensammlung ist unter anderem eine Verurteilung des Seelsorgers wegen einer sexuellen Handlung. Konkret ging es um eine Fussmassage an einem noch nicht ganz 16 Jahre alten Jugendlichen. Die dreijährige Bewährungsfrist der Strafe – 4000 Franken bedingt – ist abgelaufen, weitere Vorwürfe wurden nicht laut, weder aus der Zeit vor noch nach der Verfehlung. Vier Gutachten, drei davon extern, sprechen dem Pfarrer jegliche Neigung zur Pädophilie ab.

Wer in der Pfarrei genau hinhört, kann einen weiteren Grund ausmachen: viele Pfarreiangehörige fühlen sich schlecht informiert. Jede und jeder konnte zwar den Pfarrer, der schon seit drei Jahren in der Pfarrei mitarbeitet, direkt ansprechen oder hätte an der Pfarreiversammlung das Wort ergreifen und Auskunft verlangen können. Letzteres ist indes nicht passiert. Dass nach der Bestätigung des Pfarrers durch den Bischof Unterschriften gesammelt wurden, liess deshalb die Wogen hochgehen. Anonyme Briefe mit Drohungen waren die Folge.

Die Urnenwahl dürfte für die Pfarrei ein Novum sein, denn nach Franz Kuhn, der von 1972 bis 1983 Pfarrer in Riehen wirkte, wurde kein nachfolgender Pfarrer per Wahlzettel gewählt. Kuhn selbst wurde noch allein vom Bischof eingesetzt, da die Römisch-Katholische Kirche sich damals gerade im Wandel von der als Verein konstituierten Römisch-Katholischen Gemeinde zur staatlich anerkannten Landeskirche befand.

Dass Pfarrer an der Urne gewählt werden, ist laut Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Landeskirche Thurgau, in vielen Kantonen Usus, auch in seinem Kanton. «Pfarrer werden bei der Erstwahl an der Urne gewählt, die Wiederwahl nach einer Amtsperiode findet dann in stiller Wahl statt.» Doch gerade im Kanton Basel-Stadt gilt dies nicht. So heisst es in den Wahlbestimmung unter Paragraph 23, Absatz 2: «Bei der erstmaligen Wahl sowie bei der Wiederwahl des Pfarrers nach Ablauf der fünfjährigen Amtsdauer findet eine stille Wahl statt, wenn nicht 100 Stimmberechtigte die Urnenwahl verlangen.»

Demokratische Wahl gibt gewisse Handlungssouveränität

Auf die Frage, wie er die Urnenwahl in Riehen einschätze, gibt Urs Brosi eine Antwort, die nicht auf den speziellen Fall ausgerichtet ist, sondern allgemein für die Wahl von Pfarrern, Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleitern zutrifft: «Die Wahl durch das Kirchenvolk vermittelt dem Gewählten einen besonderen Status. Rechtlich gesehen bedeutet dies, dass er auf eine Amtsdauer gewählt ist und seine Anstellung – im Unterschied zu den übrigen Mitarbeitenden – nicht kündbar ist. So kann er gegenüber Behörden auf gleicher Augenhöhe auftreten. Und zweitens legitimiert die demokratische Wahl zu einer gewissen Handlungssouveränität, indem der Gewählte sich in pfarreilichen Konfliktsituationen auf den Rückhalt einer Mehrheit der Pfarreiangehörigen berufen darf.»

Die erstmalige Wahl eines Pfarrers an der Urne könnte durchaus eine Chance sein, ein erster Schritt, um aus der Zerstrittenheit aufzubrechen und wieder aufeinander zuzugehen. Schliesslich hat sich das Kirchenvolk das Recht, ihren Pfarrer wählen zu können seit dem Spätmittelalter bis Anfang der 1970er Jahre mühsam und etappenweise erstritten. Die Wahl per Stimmzettel als demokratischer Heilsbringer? Zumindest kein alleiniger. Denn ein anderer Begriff in Urs Brosis Ausführungen verdient spezielle Aufmerksamkeit: «die Information».

Aussprache steht noch aus

Zunder enthalten bekanntlich bei Abstimmungen und Wahlen nicht nur diese per se, sondern manchmal noch mehr das Abstimmungsbüchlein oder die Wahlunterlagen. Wird da wirklich alles offengelegt oder das Stimmvolk geschickt manipuliert, beziehungsweise getäuscht? Werden wichtige Argumente verschwiegen oder wird nur die halbe Wahrheit gesagt? Dass diesem Aspekt vor der Riehener Pfarrwahl ein besonderes Gewicht zukommt, zeigen jene Stimmen aus der Pfarrei St. Franziskus, die sich von Pfarreirat und Pfarrwahlkommission zu wenig informiert fühlen – und als Reaktion darauf eine Urnenwahl herbeiführten. Ein vom Pfarrkandidaten am 11. September angekündigter Ausspracheabend hat beispielsweise noch nicht stattgefunden. Dabei scheint nichts dringender zu sein, als den Informationshunger der Pfarreiangehörigen zu stillen. Denn was Sache ist, wollen die Leute am Ort nicht aus den Medien erfahren müssen, sondern zurecht aus erster Hand vermittelt bekommen.

Mit der nötigen Urnenwahl sind die Würfel geworfen. Wie sie wohl fallen werden, wird sich anfangs 2019 weisen. Laut Pfareirats-Vizepräsidentin Marie-Christine Fankhauser werde der Urnengang im ersten Quartal 2019 stattfinden, falls sich Kandidat Pfarrer R. der Wahl stellt.

Themen: Pfarrwahl Riehen, Missbrauchsvorwürfe

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