Neun Komma Fünf

Publiziert von Philipp Koenig am 2. August 2017 14:45:05 MESZ

Thesen, wovon wir Kirchenleute ablassen sollten.

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1) menschlich
Wir sind zu kirchenverkrümmt. Wir sorgen uns um die Zukunft der Kirchen und reformieren unsere Strukturen. Aber jeder einzelne Mensch ist wichtiger als alle Kirchen zusammen. Ob arm, ob reich, ob gross, ob klein, ob dunkel, ob hell, ob Christ, Muslima oder Atheist – Menschen sind wertvoller als Strukturen. Der Menschensohn ist für die Menschen gekommen; sonst hiesse er Kirchensohn.

2) österlich
Wir sind zu zielorientiert. Die Verwandlung kommt nicht durch Pläne; sie geschieht im Kokon. Aus dem Grab steigt unsagbar Anderes. Der Auferweckte lebt in einer neuen Dimension, raumsprengend, zeitüberspringend, oszillierend: verkannt und erkannt zugleich, berührbar und entzogen zugleich, gegenwärtig und abwesend zugleich, metaphorisch und real zugleich, in einer unbekannten Wirklichkeit eben, neu und überraschend. Kirchen erschöpfen sich häufig in Dienstleistungen. Doch Religionen lassen sich nicht auf Funktionen reduzieren; Gott lässt sich nicht verzwecken. Da sein genügt. Gott steckt im Zufall – und in der Gegenwart.

3) pfingstlich
Wir sind zu sehr auf Verstehen fixiert. Aber es geht nicht allein um Wissen oder ums Verstehen. Wir erklären zu viel und fragen zu wenig. Wir begründen zu viel und lassen zu wenig offen. Es geht darum, verstanden zu werden. Wer verstanden wird, strahlt Wärme aus. Das pfingstliche Feuer brennt schon.

4) adventlich
Wir sind zu aktiv. Die Hände nicht in den Schoss legen, aber auch nicht am Hamsterrad kurbeln. Weder aktiv noch passiv sein, sondern lassiv werden. Geschehen lassen, aktiv und passiv zugleich. Wachsen lassen. Uns verwandeln lassen. Gottes Geist zulassen. Die Ankunft Gottes auf uns zu kommen lassen. Adventlich leben.

5) weihnachtlich
Wir sind zu marktförmig. Wir werben für das Evangelium wie für Kaffeekapseln. Mit bedürfnisgerechten Nischenprodukten, mit aufgehübschten Mails und Flyern, mit lesbarem Profil, flinken Apps, designten Anlässen, lockenden Angeboten und sichtbaren Kirchtürmen. Aber das Evangelium ist nicht käuflich; die Gläubigen sind keine Kunden. Alles Gewinnbringende ist unverfügbar. Das Gotteskind ist uns geschenkt; es strahlt uns an – o wie lacht! – und umklammert unsere Finger: Bleibe bei mir! Schütze mich! Jetzt!

6) exilisch
Wir sind zu tempelfixiert. Alle sollen kommen in unsere schönen alten Räume, zu unseren schönen alten Bräuchen. Aber Gott ist auch dort draussen zu finden, in der Fremde, am Rand, im Exil. Gottes Thron hat Räder, er rollt aus dem Tempel. Gottes Thron – ein Rollstuhl.

7) eschatologisch
Wir sind zu diesseitig. Im erfolgsfixierten Handeln konkurrenzieren wir uns gegenseitig. Stattdessen könnten wir uns in unseren Talenten stärken. Ergänzen wir uns als Unvollkommene. Riskieren wir das Halbbatzige, das halb Dies-, halb Jenseitige. Werden wir porös für Gottes letzte Wirklichkeit. Gottes Reich kommt auch durch uns, aber vor allem trotz uns.

8) scheiternd
Wir sind zu abgezirkelt. Nummerierte Listen, abgezählte Gebote; Traktanden, Reglemente, Mitarbeitergespräche; Sitzungen, Protokolle, Evaluationen. Wohlüberlegte Worte und durchdachtes Handeln. Was hindert uns am Probieren, Scheitern; nochmals Probieren, besser Scheitern? Gescheiterte sind liebenswert; Erfolgreiche bloss bewundernswert. Erfolg ist kein Name Gottes; Scheitern schon.

9) schöpferisch
Wir sind zu eintönig. Musikalisch überdröhnt die Orgel alles. Mit ernster “Klassik”. SBB-Sound – Schütz, Bach, Buxtehude – genügt nicht. Wo bleiben E-Piano und Gitarre, Drums und Trompeten? Wo Rock, Pop, Jazz, Grunge, Techno, Hiphop und Volksmusik? Wo bleibt die Vielfalt der Menschen, deren Musik vielfältig klingt, swingt, groovt und ins Tanzen bringt? Aber nicht nur die Musik der Kirchen, auch ihre Sprachspiele, ihre bildenden Künste, ihre Architektur, ihre Performances und ihre Angestellten könnten die Vielfalt der Menschen besser abbilden: Gottes Schöpfung ist bunt, die Kirchen sind es auch.

10) horchend
Wir sind zu geschwätzig. – Augenblick, ich höre gerade...

Themen: religion, Kirche

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