Menschenrechte und die Religionen

Publiziert von Christian Urech am 27. Juni 2019 um 15:18:28 MESZ

30 Jahre aufbruch – dieses Jubiläum wurde am 25. Juni mit einer gut besuchten Veranstaltung im Pfarreizentrum St. Karli in Luzern gefeiert. Nach einem Impulsreferat von Rifa’at Lenzin folgte eine angeregte Diskussion zwischen ihr und Peter G. Kirchschläger, Sozialethik-Professor an der Uni Luzern. Moderiert wurde die Diskussion vom Religionswissenschafter Willi Bühler.

30 Jahre aufbruch Podium Lenzin Bühler Kirchschläger

Bilder: Christian Urech

Rifa’at Lenzin ist eine der bekanntesten Stimmen des interreligiösen Dialogs in der Schweiz: In ihrem Impulsreferat, dessen Inhalt Sie hier nachlesen können, betonte die Muslimin und Islamwissenschaftlerin, «dass auch die Menschenrechte – mag man sie als universell gültig betrachten oder nicht – nicht ausserhalb von Zeit und Raum stehen, sondern in einen historischen Kontext eingebettet sind.» Die nicht-westliche und insbesondere die islamische Welt seien von Anbeginn immer wieder mit der relativen Gültigkeit dieser «universellen» Menschenrechte konfrontiert gewesen, sobald diese mit wirtschaftlichen und/oder machtpolitischen Interessen westlicher Staaten kollidiert seien. In der Euphorie über die Errungenschaft der Menschenrechtsdeklaration 1948 sei allerdings die Tatsache vergessen worden, dass die postulierte «Gleichheit an Würde und Rechten» in den USA und Südafrika nur die weissen Menschen betroffen habe, in Frankreich und Grossbritannien nur die Franzosen und Briten der Mutterländer, nicht aber deren Untertanen in den Kolonien und in der Schweiz beispielsweise nur die männlichen Eidgenossen, da die Frauen weder das Stimm- noch das Wahlrecht besessen hätten. Die verschiedenen arabisch-islamischen Vorstösse für «islamisch» definierte Menschenrechte seien deshalb nicht zuletzt eine politische Antwort auf die als arrogant und hegemonial empfundene Haltung des Westens. Oder wie Samuel Huntington es pointiert ausgedrückt habe: «What is universalism to the West is imperialism to the rest». Das gelte nicht nur für den Islam. Für die Hindus sei es zum Beispiel nicht ganz einfach, die Idee der Gleichheit aller Menschen mit ihrem Kastensystem zu vereinbaren, oder für die vom Konfuzianismus geprägten Chinesen die Betonung des Individuums vor den Ansprüchen der Gemeinschaft zu verstehen.30 Jahre aufbruch Rifaat Lenzin (002)

Wichtig ist für Lenzin auch, dass es «den» Islam nicht gibt und deshalb auch keine einhellige Haltung gegenüber den Menschenrechten: «Die Bandbreite der Meinungen reicht dabei von völliger Unvereinbarkeit westlicher Menschenrechtsvorstellungen mit islamischen Grundsätzen bis zur weitgehenden Übereinstimmung. (…) Unterschiedliche Zugänge und Antworten ergeben sich auch daraus, ob der Autor primär auf einer rechtlichen Basis argumentiert oder auf einer philosophischen.»

Aus islamischer Sicht seien die Menschenrechte keine Naturrechte, das Recht könne nicht vom Menschen gesetzt, sondern nur von ihm «gefunden» werden. Der Hauptunterschied zwischen den Allgemeinen Menschenrechten der UNO und islamischen Menschenrechten sei deshalb der Gottesbezug.

Materielle Unterschiede bezögen sich auf Formulierungen bezüglich der Gleichberechtigung von Frau und Mann, insbesondere in der Ehe und vor Gericht; das Recht, seine Religion ohne Nachteile zu wechseln; die eingeschränkte Wählbarkeit von Nichtmuslimen für gewisse staatliche Ämter und Funktionen und die Abschaffung der Todesstrafe.

30 Jahre aufbruch Peter G. Kirchschläger_ (002)In der Diskussion widerspricht Peter G. Kirchschläger der Ansicht, Menschenrechte seien irgendwie «relativierbar», vehement: «Es ist bequem, in einem Kontext, wo Menschrechte garantiert sind, davon zu sprechen, dass man sie nur relativ betrachten soll. Ich bin absolut damit einverstanden, dass Menschenrechte historisch gewachsen sind. Man muss auch berücksichtigen, dass bei der Abfassung der allgemeinen Menschenrechte 1948 Hegionalmächte am Tisch waren.» Das müsse man aber nicht dazu einsetzen, den Menschenrechten ihre allgemeine Gültigkeit abzusprechen, sondern Verstösse als «kritischen Stachel» sehen, um die erwähnten Verstösse zu beseitigen. Es sei ein klassisches Problem zwischen Theorie und Praxis. Die Menschenrechte als Idee gingen viel weiter zurück als 1948. Falls Religionen weniger beliebt seien als die Menschenrechte, könne es möglicherweise daran liegen, dass Menschen es nicht schätzten, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Menschenrechte ausserhalb der Kirche gelten würden, aber nicht mehr, sobald man die Kirche betreten habe.

Lenzin möchte unterscheiden zwischen den Menschenrechten an sich und dem Menschenrechtsdiskus. Sie stört sich daran, dass bei der Beurteilung der Umsetzung von Menschenrechten  die Länder nicht mit der gleichen Elle gemessen würden, wenn zum Beispiel die schwierige Lage von Christen beklagt werde, aber in Bezug auf die Muslime behauptet werde, in der Schweiz, wo immerhin eine Minarettinitiative angenommen wurde, sei alles gut.

Kirchschläger bestätigt, dass wir bei der Durchsetzung der Menschenrechte «ein Riesenproblem» hätten. Er weist daraufhin, dass Menschenrechte nicht individualistisch seien. «Weil sie allen Menschen zu Gute kommen, bedeuten sie eine Freiheitseinschränkung, weil meine Freiheit ihre Grenzen an der Freiheit der anderen findet.» Die Aufgabe der Religionen sei es, Begründungen dafür zu liefern, wieso die Menschenrechte eingehalten werden müssten.

In allen Religionsgemeinschaften liessen sich Strömungen ausmachen, die sich gegen die Menschenrechte aussprächen. Und in allen Religionsgemeinschaften gebe es Menschen, die sich für die Menschenrechte engagierten – überall auf der Welt. «Wir sollten uns davon verabschieden, hier eine Grenze zwischen den Religionen und Glaubensgemeinschaften zu ziehen.» Die Grenze verlaufe vielmehr innerhalb der einzelnen Religionsgemeinschaften, in denen es liberale und illiberale Strömungen gebe. Vertreter illiberaler Haltungen gegenüber der Gleichberechtigung von Mann und Frau in den verschiedenen Religionen würden sich «blendend verstehen». Man müsse sich auch von geographischen Kategorien in diesem narrativen Diskurs verabschieden («der Westen» gegen «den Osten» usw.). Solche Kategorien würden die Vielfalt in den jeweiligen Kontexten zudecken.

Dagegen wirft Lenzin ein, dass z.B. ein Pakistani oder Iraker mit dem Begriff «der Westen» keine geographische Zuordnung verbinde, sondern das, was «der Westen» für ihn verkörpert. «Das ist ein Problem, weil es eine gewisse Wirklichkeit abbildet, aber nicht die ganze. Und deswegen kommt man an diesen Begriffen nicht unbedingt vorbei. Wenn man nicht dazugehört, nimmt man das viel stärker wahr, weil, und das ist das Problem, der Menschenrechtsdiskurs auch als Ausgrenzungsdiskurs geführt wird: Wir haben und ihr habt nicht. Und ihr müsst das Gleiche machen wie wir, und dann ist es gut. (…) Ich möchte das Recht haben, Menschenwürde so zu definieren, wie ich das eben mache.»

Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion aufgegriffen wird: Religionen und Glaubensgemeinschaften sind keine menschenrechtsfreien Räume. Das müsse aber mit der Vorsicht und der Einsicht durchgesetzt werden, dass es unterschiedliche Zugänge gebe, woraus der Verzicht darauf folge, ein Menschenbild für die Menschenrechte formulieren zu wollen aus einer spezifischen religiösen Weltanschaulichkeit heraus.

 

 

Themen: Jubiläum Aufbruch, Menschenrechte

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