Liebt Dich Dein Computer?

Publiziert von Stephanie Weiss am 16. März 2017 11:30:00 MEZ

Wir sind von Geräten umgeben, die recht gescheit sind. Sie wissen immer mehr, auch über uns. Das beeindruckt und beunruhigt mich.

Ueli Mäder, Universität Basel

Ueli Mäder

Liebt Dich Dein Computer? Las ich heute früh. Gleich nach dem Frühstück. Beim ersten Online-Check. Gut gemacht, denke ich. Und klicke die Mail an. Künstliche Intelligenz bestimme unser Leben, heisst es da weiter. Wie wahr, denke ich. Ja, das liegt doch im Trend. Wir bereiten so unseren Untergang vor und schaffen uns selbst ab. Das sagen die einen. Andere freunden sich mit ihrem Roboter an. Er denkt mit und sogar vor. Wie ein guter Arbeitskollege. Wir begegnen ihm auf Schritt und Tritt. Fiktiv und real. Egal wie?

Im Trend

„Die Konkurrenz zwingt uns dazu, ‚fürschi‘ zu machen“, sagte mir ein Banker an einem Kaderkurs. Ausländische Unternehmen seien schon weiter digitalisiert. Deshalb gelte es, schleunig die Beratung zu automatisieren. Wie früher den Zahlungsverkehr. Statt Hunderte von „schrägen Vögeln“ erledigen heute ein paar Geräte den Geldtransfer. Sie sparen Kosten. Und sind sogar lernfähig.

Innovativ ist offenbar die Bank, die mich kürzlich zu einer Beratung einlud. Eine Fachfrau empfahl mir dies und jenes. Und bald erteilt nun ein Roboter solche Auskünfte. Er informiert uns anstelle der Frau, die dann „von ihrer Arbeit befreit“ ist. Banken rationalisieren derzeit Tausende von Arbeitsstellen weg. Und was geschieht mit den Entlassenen?

Roboter helfen uns, neue Sprachen zu lernen. Sie spielen mit uns Schach und ersetzen  „überflüssige“ Lokomotivführer. Sie kopieren und kombinieren unsere Hirnfunktionen, ohne wirklich einfühlend zu sein. Ist das Fluch oder Segen? Und wer entscheidet, wohin die Reise geht?

Was tun?

Wichtig sind demokratische Entscheide und mehr Transparenz. Das gilt auch für die finanziellen Erlöse. Was Roboter mit uns machen, hängt davon ab, wie wir sie instruieren. Vielleicht akzeptieren wir allmählich ihre faszinierenden Dienste? Vielleicht veranlasst uns ihre Kühle auch, die menschliche Kommunikation mehr zu schätzen?

Mechanische Konzepte erzielten einst mit Reizen vorprogrammierte Reaktionen. Viel Kreativität brachte dann unsere eigene Neugierde. Geld getriebene Akteure wollen hingegen hohe Renditen. Sie setzen auf nützliche Roboter, die nach dem Input-Output-Prinzip funktionieren. Soziale Bande verkommen so zu funktionellen Kontakten. Wer mehr Wärme und Sinn sucht, bevorzugt lebendige Beziehungen sowie Banken mit menschlichen Beraterinnen. Zudem Bahnhöfe und Züge mit echtem Personal.

Wenn wir Roboter selektiv einsetzen und selbst kontrollieren, schenken sie uns bezahlte Freizeit. Denn ihre Produktivität erhöht die Gewinne. Werden diese gerecht verteilt, kommt die  künstliche Intelligenz allen zugute. Arm und Reich? Vielleicht denken wir dann auch mehr darüber nach, was wirklich wichtig ist im Leben. Wie das Basler Festival der Wissenschaft „science+fiction“  das tut. Es lädt dazu ein, sich vom 5. bis 7. Mai 2017  im Basler Sommercasino mit der künstlichen Intelligenz auseinander zu setzen. Das Ziel besteht darin, einen bewussten Umgang mit Robotern zu finden. Damit sie uns weniger den Weg weisen. Eine Tageskarte kostet fünf Franken. Es darf auch ein bisschen mehr sein. Für einen Aufpreis ist es möglich, an einem Workshop einen Roboter zu basteln, der auf Sprache reagiert und Fragen beantwortet. Zum Glück nicht alle. Mehr dazu: www.scienceandfiction.ch

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Ueli Mäder

(emeritierter Professor für Soziologie an der Uni Basel)

Themen: künstliche Intelligenz, Roboter, Gewinne gerecht verteilen

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