Klimawandel? Zu teuer!

Publiziert von Franz Osswald am 13. Dezember 2018 10:03:36 MEZ

Hitzig war nicht nur dieser Sommer, sondern so ging es diese Tage auch im Nationalrat zu und her, während an der Klimakonferenz  in Polen nur von Hoffnungen gesprochen wird.

Bild: epd

Die grosse Kammer hat auch ein Kind geschaukelt. Genauer: er hat es mit dem Bad ausgeschüttet. Das CO2-Gesetz wurde – jetzt, wo Flüsse und Seen wieder mehr Wasser führen – bachabgeschickt, die Vorlage versenkt. Den Sozialdemokraten war der Gesetzesvorschlag «zu verwässert» – mit ihrem «Nein» zum Gesetz haben sie gewissermassen Wasser in den Fluss getragen –, den Vertretern der Schweizerischen Volkspartei kamen die Tränen, weil mit dem Gesetz Kleine und Mittlere Unternehmen, so genannte KMU, zu stark an die Kasse gekommen wären und auch das Volk beim Benzinpreis. Dass höhere Benzinpreise dem Volk nicht guttun, haben wir ja eben in Frankreich, Belgien und den Niederlanden erlebt, wo «Gelbwesten» und ihre Ableger für ordentlich Radau gesorgt haben. Dort ging es nicht einmal um die Umwelt, sondern darum, mehr Stutz in die Staatskasse zu bekommen.

An Ständerat weiteregereicht

Nun geht das Klima-Geschäft in den Ständerat. Nicht jetzt, sondern im Frühjahr 2019, wenn dieses Gremium nach den Wahlen neu zusammengesetzt über das gleiche Geschäft nochmals beraten wird. Die Sozialdemokraten hoffen, dass dem zahnlosen Vorschlag zumindest wieder Milchzähne verpasst werden. Prinzip Hoffnung. Das passt gut zum Klimaschutz, der hierzulande betrieben wird. Der Schadstoffausstoss wird unter anderem im Ausland reduziert – dank des Emissionshandels. Der eigene zu hohe CO2-Ausstoss wird sozusagen legitimiert, indem man solche «Persilscheine» erwirbt, die garantieren sollen, dass andernorts gespart und umgesetzt wird, was hier durchs Parlament verhindert wird.

Während der Nationalrat in Bernt tagt, treffen sich über 20000 Vertreter aus allen Ländern der Erde im polnischen Katowice zur Klimakonferenz (2.-14. Dezember). Der «Tagesanzeiger» titelt dazu: «Jahrmarkt der Hoffnungen». Hoffnung, weil beispielsweise alle, von den Staaten bisher versprochenen Klimamassnahmen reichen würden, um die Erderwärmung unter zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu drücken. Hoffnung würden auch die grossen technischen Fortschritte bei den erneuerbaren Energien wecken, erklärt Richard Birdl vom kanadischen Institut für nachhaltige Entwicklung. Um dann gleich den Hoffnungsschimmer zu relativieren. «Weltweit fliessen rund 400 Milliarden Dollar in die Subventionierung fossiler Brennstoffe.» Sein Fazit: «Niemand will die erneuerbare Energie subventionieren, solange die fossile unterstützt wird.» Interessant dabei ist, dass alle Industriestaaten ab 2020 die ärmsten Staaten mit 100 Milliarden Dollar für deren Klimaschutz unterstützen müssten. Das Geld wäre vorhanden, wird aber für Subventionen am falschen Ort ausgegeben.

Auch dem Schweizer Parlament sind die Klimamassnahmen zu teuer. Dabei findet der Klimawandel mittlerweile vor der eigenen Haustüre statt. Der Sommer 2018 hat viele Rekorde gebrochen, wer konnte, entfloh in die kühlen Berge. Flüsse und Seen sanken auf Tiefststände, die Schiffahrt musste zum Teil eingeschränkt oder ganz eingestellt werden. Die Fische starben, weil die Wassertemperatur über 25 Grad stieg. Regen fiel über Wochen keiner, die Bäume verdorrten, im Wald zu spazieren, wurde gefährlich. In der Landwirtschaft waren Ertragseinbussen zu verzeichnen. Und: es war nicht der erste Sommer, der über alle Masse mit grosser Hitze und Trockenheit auwartete. Wenn es doch einmal regnete, dann gleich so stark, dass die Wassermassen vom ausgetrockneten, steinharten Boden nicht aufgenommen werden konnten und zu Überschwemmungen führten. Das alles sind keine unerwarteten Ereignisse. Seit Jahrzehnten werden sie so vorausgesagt. Nun treten sie auch bei uns in unliebsamer Regelmässigkeit auf.

Wer Augen hat, der sehe

Natürlich gibt es immer noch Möglichkeiten, das Offensichtliche auszublenden. Die Winzer verzeichnen einen ausgezeichneten Jahrgang. Sie haben vom schönen Wetter profitiert. Trinken wir ein Glas auf sie und freuen uns mit Ihnen! Doch der goldene Herbst wird abgelöst werden… ja von wem denn. Vom Winter? In meiner Jugend gingen meine Brüder regelmässig in Langenbruck zum Skifahren. Das tönt heute, als ob ich ein Märchen erzählen würde, weil der Skilift im Baselbiet seit Jahr(zehnt)en nur noch wenige Tage, im besten Falle Wochen im Jahr läuft. Ohne Schneekanonen müssten die meisten Wintersportorte ohne weisse Pracht auskommen. Die Skirennen werden reihenweise abgesagt, weil kein Schnee liegt oder zu viel auf einmal. In den Niederungen wird mit anderem Geschütz vorgegangen: mit Baggern. Im Rhein wird die Fahrrinne vertieft, damit die Schiffe bei Niedrigwasser mit grösseren Lasten nach Birsfelden fahren können. Dass uns die Kosten für solche Massnahmen dereinst mehr belasten werden als jene durch die Umsetzung des CO2-Gesetzes, interessiert die Politik offenbar nicht.

Am Parlament scheint all dies vorbeizugehen, aussenvor zu bleiben. Es lässt sich Zeit. Das Land wird im wahrsten Sinne des Wortes aufgrund des Klimawandels noch lange nicht untergehen. Südseeinseln, Bangladesch oder gewisse Nordseeinseln im Wattenmeer aber schon. Wenn unser Land im Vergleich mit den meisten Staaten dieser Erde in etwas schwimmt, dann im Geld. An Flüssigem dieser Sorte mangelt es gewiss nicht. Die Frage, die ich mir deshalb stelle, lautet: Wer denn soll sich den Klimaschutz leisten können, wenn nicht die Schweiz? Die Antwort ist es, die mich beim Klimaschutz wirklich hoffnungslos macht. Niemand.

Themen: Klimawandel, CO2, Klimakonferenz

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