Kämpferin für einen liberalen Islam

Publiziert von Stephanie Weiss am 7. Dezember 2017 09:38:43 MEZ

Die Gründerin der Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, Seyran Ateş setzt sich mit vollem Einsatz für einen säkularen Islam ein, in dem Frauen gleichberechtigt sind und religiöse Toleranz gelebt wird. Dafür erntet sie nicht nur von konservativer Seite viel Kritik.

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Wer mit der Anwältin Seyran Ateş ein Gespräch führen will, muss zunächst an den Personenschützern vorbei, die nicht von ihrer Seite weichen. Seit die Frauenrechtlerin mit türkischen Wurzeln im Mai dieses Jahres die liberale Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin eröffnet hat, hagelt es Beschimpfungen und Drohungen. Seitdem wird sie rund um die Uhr bewacht. Trotz all dieses Wirbels um ihre Person strahlt sie im Gespräch mit dem aufbruch in Zürich eine ruhige Entschlossenheit aus, die beeindruckt.

Frau Ateş, sehen Sie sich als Reformatorin des Islams?

Ich sehe unsere Moschee und ganz viele Menschen, mit denen ich vernetzt bin, als Reformatoren des Islam. Deshalb wehre ich mich, wenn ich „Martina Luther“ genannt werde. In der islamischen Welt gibt es viele „Martins und Martinas“. Das ist eine Bewegung mit vielen Gesichtern, die seit Jahrzehnten stattfindet. Die Islamwissenschaftlerin Amina Wadud, ein grosses Vorbild für mich, hat bereits 2005 vor einer gemischten Gruppe gebetet. Die Gruppe Muslime für progressive Werte macht das seit zehn Jahren, in der Schweiz gibt es die offene Moschee. Viele Männer und Frauen arbeiten seit Jahren an Reformen im Islam. Die einen etwas softer, Häppchen für Häppchen, die anderen klarer, direkter und radikaler. Dazu würde ich mich zählen.

Dafür bezahlen Sie einen recht hohen Preis...

... das bezeichnen manche so, ich selber empfinde es nicht so, da ich es als Selbstverständlichkeit erachte. Ich kenne es nicht, dass man mit etwas so umgeht wie halb schwanger zu sein. Entweder mache ich die Sache ganz oder gar nicht. Die Forderung nach absoluter Gleichberechtigung der Geschlechter steht für mich so im Vordergrund, dass ich mich nicht mit „ein bisschen“ abfinden kann. Wenn man mir sagt, du kannst jetzt ein bisschen Autofahren, solange ein Mann neben dir sitzt, dann befriedigt mich das nicht.

Was bedeutet für Sie genau Reformation des Islam und welche Elemente müsste ein Reformislam konkret beinhalten?

Nicht anders als in den anderen monotheistischen Religionen auch. Die liberalen Ausrichtungen in den Religionen schauen sich an, was in den Jahrhunderten der Entstehungsgeschichte und danach passiert ist, was man zeitlich da stehen lassen kann und was übertragen werden sollte in die jetzige Zeit. Diese Methode nennt sich historisch-kritische Auslegung. Die liberalen Bewegungen, auch im Islam, sind historisch-kritisch im Umgang mit den heiligen Schriften. Das heisst, wir lesen den Koran und fragen uns: was ist der tiefere Sinn im Zusammenleben der Menschen und in der Gottgefälligkeit, im Glauben an Gott und in der Erklärung des Sinns des Lebens? Was ist der tiefere Sinn und wie kann man das ins 21. Jahrhundert übersetzen?

Die Ibn Rushd Goethe Moschee befindet sich in den Räumlichkeiten einer evangelischen Kirche. Denken Sie, dass eine Reformation des Islams von einem christlichen Land aus und erst noch von einer Frau angestossen wirklich gelingen kann?

Wieder: ich bin ja nicht alleine. Ich sah, dass wir einen fixen Ort brauchen, der uns gehört, den wir selber gestalten und aus dem aus wir agieren. Diesen Raum anzumieten, kam von mir aus, alles andere sind Ideen von vielen anderen. Es sind die Menschen, welche die Veränderung ausmachen. Der Wandel im Islam findet innerhalb des Islam und nicht innerhalb des Christentums oder Judentums statt, auch wenn wir uns in einem Nebenraum einer Kirche befinden. Wir sind ja nicht im Kirchenschiff drin, sondern in einem Raum, der nie sakral war.

Welche Rolle kann das Christentum bei diesem Prozess aus ihrer Sicht einnehmen? Was können Kirchgemeinden tun, um diesen Prozess zu fördern?

Unsere christlichen und jüdischen Freunde dienen mir höchstpersönlich an vielen Stellen als Vorbild. Aber dass die christliche Kirche oder die jüdische Gemeinschaft irgendeinen Einfluss auf unser Wirken hätte, das kann nicht sein. Wir haben einen sehr guten Dialog miteinander. So haben wir uns beispielsweise zum Opferfest in der Moschee getroffen und gemeinsam darüber nachgedacht: wie erzählt ihr Abrahams Geschichte? Da findet Austausch und interreligiöser Dialog statt, aber keine Bevormundung. Böse Stimmen behaupten, die christliche Kirche unterwandere den Islam. Nein, das tut sie natürlich nicht. Es ist eine riesengrosse Unterstützung, dass wir diese Räume nutzen können. Man sagt hier: gemeinsam unter einem Dach. Wir sind für ein Jahr eingemietet und können den Vertrag hoffentlich verlängern.

Lesen Sie das ganze Interview in der nächsten Ausgabe des aufbruch

Themen: Islam-Debatte, Liberaler Islam, Gleichberechtigung

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