Hunger bekämpfen oder neue Ideen für ein anderes Miteinander?

Publiziert von Ulrike Minkner am 9. November 2017 10:21:54 MEZ

Gemeinsam statt einsam – besser essen dank regionalem Wirtschaften. Ein Bericht über die Tagung zum Welternährungstag 2017 in Olten

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Hungerkrisen durch Krieg und Vertreibung – und die Welt schaut zu. Täglich erreichen uns Bilder von hungernden Kindern, Millionen von unterversorgten Kriegsflüchtlingen, ertrunkenen Menschen im Mittelmeer. Wir sind es leid, die Informationen erreichen unseren Kopf, aber nicht unsere Herzen. Denn wenn wir keine Möglichkeit sehen, diese katastrophalen Zustände zu ändern, stumpfen wir ab, resignieren, leben uns individuell aus und schauen auf die sonnige Seite unseres Daseins hier in der Schweiz. Nicht wegschauen und Lösungen vorschlagen, das war das Motto der Tagung.

Hunger ist ein Skandal

Thomas Gröbly, der durch den Anlass führte, brachte es in seiner Einleitung auf den Punkt: Rund 800 Millionen Menschen hungern weltweit, 8500 Kinder unter fünf Jahren sterben täglich an den Folgen des Hungers. Soweit die Zahlen – ein Skandal, der niemanden kalt lässt. Die Weltorganisationen haben auf den Hunger mit Food-Programmen reagiert. Sie wollen den Hunger bekämpfen. Aber ist das der richtige Weg? Kann man Hunger bekämpfen? Ist es nicht eher das aktuelle Wirtschaftssystem, in welchem grosse Konzerne immer mehr Macht an sich reissen. Müssen wir nicht dies in Frage stellen müssen? Nun, wir haben die Wahl. Wir können wegschauen und verdrängen oder wir können versuchen, unsere Lebensweise zu ändern. Die Tagung gab Hinweise und konkrete Vorschläge dazu. 

Landwirtschaft macht den Unterschied

Da ist zum einen die Landwirtschaft hier und anderswo. Wie können wir sie mitgestalten, wie können wir eine angepasste lokale ressourcenschonende Herstellung von gesunden Lebensmitteln erreichen? Der von neoliberalen Wirtschaftskreisen viel gepriesene Weg der Freihandelsabkommen mit Agrargütern, ist laut Prof. Mathias Binswanger (FHNW) weder für uns im reichen Norden noch für die ärmeren Länder im Süden eine Option. Denn Freihandelsabkommen lassen die Geldflüsse in die Taschen einiger weniger Konzerne fliessen. Die Landbevölkerung, die Kleinbauern und –bäuerinnen, aber auch die ärmeren Menschen in den Städten gehören zu den VerlierInnen. 

Neue Abhängigkeiten

Tina Goethe (Brot für alle) stellte ihrem Referat den Titel „Wir fressen die Welt“ voraus und machte die Konsequenzen für die Entwicklungsländer deutlich – die mit billigen Produkten aus dem Norden überschwemmt und so um ihre Existenz gebracht werden. Lokale Märkte brechen zusammen und der Selbstversorgungsgrad nimmt besorgniserregend ab. Auch wir haben am Schluss Nahrungsmittel in den Gestellen der Grossverteiler, die nicht nähren, sondern krankmachen. 

Eine andere Welt ist möglich

Es gibt Alternativen und das Interesse daran wächst. Wir können z.B. den Grossverteiler umgehen, denn dort wird zwar mit dutzenden von Labels geworben, aber sie führen uns meist in die Irre. Im Supermarkt stehen wir alleine und häufig gestresst vor einer immensen Auswahl und sollen individuell entscheiden, was nun fair, gesund, saisonal, fein oder gar tierfreundlich ist. Wie lustvoll dagegen ist es, den Gemüseplan gemeinsam fürs ganze Jahr festzulegen oder Arbeitstage auf dem Feld mit anderen aktiven Menschen zu verbringen, wie sinnvoll inzwischen Siedlungen und ganze Stadtteile ihre Nahrungsmittel beschaffen und verteilen, wurde an der Tagung aufgezeigt. Gemeingüter (Commons) sind Güter, die allen zugänglich sein sollten. Aber wie können wir z.B. Saatgut, Gemüse, Wasser, Boden, Allmenden, Wissen so einsetzen, dass ein langfristiger Nutzen für uns alle entsteht und nicht einige wenige Grosse Gewinne daraus schlagen? Silke Helfrich (Commons-Institut) erläuterte mit anschaulichen Beispielen, dass Commons eine neue gemeinsame Identität schaffen. Sie lehren uns wieder zu teilen, zu berücksichtigen, zu diskutieren und gemeinsam zu entscheiden. Ein anderes Wirtschaften jenseits von Markt und Staat ist möglich, bereitet Freude und ist somit ein Weg, um Krisen zu entschärfen. 

Ulrike Minkner, Biobäuerin auf dem Mont Soleil 

Die Tagung in Olten wurde von agrarinfo.ch, ethik-labor.ch und Brot für alle BFAorganisiert. Mehr Infos auf www.agrarinfo.ch

Die Weltorganisationen haben auf den Hunger mit Food-Programmen reagiert:
http://de.wfp.org/hunger

Prof.M.Binswanger
https://www.fhnw.ch/de/personen/mathias-binswanger

Tina Goethe
https://brotfueralle.ch/veraenderung-braucht-einen-langen-atem/

Vertragslandwirtschaftsprojekte
http://www.regionalevertragslandwirtschaft.ch/verband/index.php

Gemeingüter / Silke Helfrich
https://www.youtube.com/watch?v=3UV88w6gFmE

Themen: Welternährung, Regioanle Landwirtschaft, Hunger

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