Mensch ärgere dich nicht!

Publiziert von Franz Osswald am 20. März 2018 09:54:36 MEZ

«Mensch ärgere dich nicht» heisst ein bekanntes Gesellschaftsspiel. Eines, das Pierre Stutz vielleicht auch einmal gespielt hat. Diesem Spielkonzept setzt Pierre Stutz in seinem Buch «Lass Dich nicht im Stich» einen Gegenentwurf: ärgere Dich, aber nutze die Kraft der Wut und Aggression, um Positives zu erreichen und: lasse beides überhaupt zu. In seinem Vortrag in der Basler Predigerkirche nannte er einige Voraussetzungen, die nötig sind, um dies zu erreichen.

pierre stutz

«Selbstvertrauen» lautet ein Stichwort. Das bedeutet für ihn, sich zu wehren, seine Wut und Aggression mitzuteilen, denn «Aggression gehört zum Leben».  Es bedeute in seinem Ursprung, sich auf etwas zuzubewegen, «sich in die Auseinandersetzung mit dem Leben zu begeben». Auch Jesus sei wütend gewesen, mit den Händlern im Tempel oder beim Austreiben eines Fiebers durch Schreien. Es gelte indes, die Kritik konstruktiv zu äussern, und ganz im Sinne des Propheten Micha «Schwerter zu Pflugscharen zu machen», so Pierre Stutz.

Dieses Ausleben der Wut habe auch damit zu tun, als Mensch authentisch zu sein, seine Regungen nicht zu unterdrücken, denn wer seine Aggressionen in sich fresse, werde depressiv. Pierre Stutz: «Aggression und Depression sind Zwillingsschwestern». Dieser Haltung Ausdruck zu geben, wäre laut Stutz möglich, «indem man den Ärger zu Papier bringt, beim Gehen stampft (was Kinder noch dürfen, um ihren Unmut kundzutun und abzureagieren) oder im Wald zu schreien».

Während dies den eigenen Umgang mit der Wut und dem Ärger anbelangt, spricht Pierre Stutz im Umgang mit anderen der gewaltfreien Kommunikation das Wort. Als beeindruckendes Beispiel nannte er einen Satz, den Antoine Leiris auf Facebook schrieb, nachdem er seine Frau beim Anschlag auf den Pariser Vergnügungsclub «Bataclan» verloren hatte: «Meinen Hass bekommt ihr nicht». Beeindruckt war Stutz nicht allein wegen dieser Aussage, sondern auch deshalb, weil Leiris später gestand, dass ihn dieser Satz überfordere und er zu seinen Rachegedanken stehe. Entscheidend sei, dennoch verzeihen können – «nicht einmal, sondern biblische 7x70 Mal, immer wieder», so Stutz.

Der Buchautor betonte, dass er keine Patentrezepte abgeben könne und wolle. Dass es sie auch für ihn selbst nicht gibt, zeigte er mit seinem Bekenntnis, dass er selbst in gewissen Situationen die Segel streiche, statt sich zu ärgern. «Wenn ich im Zug nicht die ausführliche Lebensgeschichte eines Abteilnachbars mithören möchte. Oder wenn ich  zulasse, dass ein konstruktiver Dialog mit einem Gegenüber im Moment nicht möglich ist und die Differenzen deshalb stehen gelassen werden».  Vielleicht ganz nach dem Motto: Wenn die Leidenschaft für einen positiven Umgang mit Wut und Ärger nicht vorhanden ist, dann kann auch mal «Mensch ärger dicht nicht» der richtige Schritt sein.

Am 21.3.2018 hält Pierre Stutz einen weiteren Vortrag in Bern.

Themen: neues Buch, pierre stutz, lass dich nicht im stich

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