Homosexualität: Die Kirche ist schwer krank

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 6. September 2018 10:02:39 MESZ

Der Churer Weihbischof Marian Eleganti will, dass Homosexuellen der Zugang zum Priesteramt verwehrt wird. Damit schlägt er sich auf die Seite derer, die den Rücktritt von Papst Franziskus wollen. Zudem outet sich Eleganti als Ignorant gegenüber dem humanwissenschaftlichen Erkenntnisstand in Sachen Homosexualität.

Marian_Eleganti_Bishop_Berlin_April_2014

Bild: Wikipedia

Als wenn der Skandal des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche – seit 2010 haben sich rund 300 Opfer gemeldet - nicht schon zum Himmel stinkt - Weihbischof Marian Eleganti schafft es spielend, an Unsäglichkeit noch eins drauf zu setzen und damit den Spaltpilz tief ins Fleisch der katholischen Kirche zu treiben. Während die Schweizer Bischofskonferenz den sexuellen Missbrauch in der Kirche mit neuen Regeln wie der Anzeigepflicht auch bei erwachsenen Opfern versucht einzudämmen, fordert Eleganti, Homosexuelle müssten aus den Priesterseminarien ausgeschlossen werden. Der «Missbrauchsskandal zeigt halt doch», so Eleganti, «es hängt mit der Homosexualität zusammen». Salbungsvoll meinte der konservative Weihbischof weiter: «Vielleicht bringt uns das auch wieder ein bisschen näher zu einer neuen Nüchternheit, bevor wir einfach die Homosexualität als eine ebenso wertvolle Variante der Schöpfung anschauen, wie die heterosexuelle Ehe.»

Blanker Unsinn

Auch wenn sich die Bistümer Basel und St. Gallen postwendend von diesen weihbischöflichen Auslassungen Elegantis – sie seien das «Gegenteil von seriösen Anstrengungen, künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern - distanzierten, verlangt Eleganti weiterhin von der Kirche «das öffentliche Eingeständnis, dass wir es im Klerus der Kirche seit Jahrzehnten mehrheitlich mit homosexuellen Straftätern zu tun haben». Dabei beruft sich Eleganti auf den «Jay-Report» (2010) aus den USA, gemäss dem 81 Prozent der Opfer von sexuellen Übergriffen in der Kirche männlich seien. Für Eleganti ist klar, dass die Täter meist Homosexuelle seien. Auch Kirchenrepräsentanten in der Schweiz, so hält Eleganti in einer schriftlichen Erklärung fest, betrieben «Vertuschung», weil sie verschweigen würden, dass es sich in der Kirche «erwiesenermassen vorwiegend um homosexuelle Täter» handle. «Das ist blanker Unsinn», kommentiert Psychologieprofessor Udo Rauchfleisch auf Anfrage.

Mit solchen scheinbar wissenschaftlich untermauerten Aussagen stellt sich Weihbischof Eleganti eindeutig auf die Seite der amerikanischen Papstkritiker um den ehemaligen Vatikan-Botschafter in den USA, Erzbischof Vigano. Dieser hatte mit einem Memorandum Papst Franziskus zum Amtsverzicht aufgefordert wegen angeblicher Versäumnisse im Umgang mit ranghohen homosexuellen Geistlichen. Zudem wirft Vigano Papst und Kurie vor, sie hätten Homosexuellen-Lobbys und liberale Bischofsernennungen gefördert.

Unnötig giesst Eleganti mit seinen homophoben Auslassungen ordentlich Öl in diesen «Bürgerkrieg» im Vatikan. Womöglich versteht der Weihbischof dies als eine Art Bewerbung für Bischof Huonders Nachfolge 2019 in Chur, zumal sich bis dahin der Wind in Rom schon wieder gedreht haben könnte.

Bare Ignoranz

Aus humanwissenschaftlicher Sicht ist ein Zweites zu den unsäglichen Äusserungen von Eleganti zu sagen. Die Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie «ist perfide und zeugt von barer Ignoranz», wie Psychologieprofessor Udo Rauchfleisch auf Anfrage unterstreicht. Dass insbesondere die katholische Kirche ein krankes Verhältnis zur Homosexualität hat, hatte Rauchfleisch schon 2005 im Gespräch mit dem aufbruch dargelegt. Als bereits damals Papst Benedikt XVI. gleichgeschlechtlich Empfindenden mit seiner «Instruktion über Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen» beschied, sie dürften wegen ihrer Homosexualität nicht Priester werden, stellte Rauchfleisch klar: «Nach heutigem humanwissenschaftlichen Kenntnisstand ist Homosexualität eine der Heterosexualität gleichwertige Variante. Sie hat überhaupt nichts mit einer psychischen Krankheit zu tun, sondern enthält wie die Heterosexualität auch das gesamte Spektrum von Gesundheit bis Krankheit. Es gibt darüber hinaus keinerlei Erkenntnisse, Homosexualität hätte etwas mit Erziehungsfehlern der Eltern zu tun. Daher wurde die Diagnose Homosexualität bereits vor vielen Jahren aus den internationalen Klassifikationssystemen für psychiatrische Erkrankungen gestrichen. Insofern befindet sich die katholische Kirche in krassem Widerspruch zu unseren humanwissenschaftlichen Erkenntnissen und verharrt auf einer anachronistischen, völlig überholten Position, die heute unhaltbar ist.»  Der Basler Emeritus wertet Elegantis Äusserungen denn auch zu Recht als «in höchstem Masse diskriminierend». Wie damals schon Papst Benedikt spreche Eleganti «Schwulen generell die 'affektive Reife' ab und vertritt die Ansicht, die gleichgeschlechtliche Orientierung behindere Menschen 'schwerwiegend an der korrekten Beziehungsaufnahme zu Männern und Frauen.» «Dies ist», so stellt Udo Rauchfleisch klar, «eine ungeheuerliche Unterstellung, die in keiner Weise der Realität entspricht.»

Und eins ist klar: Weltweit werden Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kleriker durch derartige Unsäglichkeiten von Kirchenrepräsentanten nochmals zum Opfer. Und in Sachen Homosexualität täten katholische Amtsträger und -aspiranten gut daran, sie gingen endlich offen und nicht diskriminierend mit ihrer sexuellen Orientierung um.

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