Freut Euch und jubelt

Publiziert von Xaver Pfister am 9. Mai 2018 10:08:10 MESZ

Bereits im zweiten Absatz des kürzlich erschienenen „Papstschreiben zum Christsein“ wird die Absicht des Papstes klar. Es geht ihm nicht „um eine Abhandlung über die Heiligkeit“, ganz in der Art und Weise, wie er auch sonst nicht über etwas spricht, sondern zu jemandem. Er will den Ruf zur Heiligkeit heute mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen lassen.

EPD Bildrechte: Agenzia Romano Siciliani

Es ist ein Büchlein, das zum Nachdenken über das eigene Christsein im 21. Jahrhundert anregen will. Dabei sind nicht Bischöfe, Priester und Nonnen die ersten Adressaten. Es richtet sich gleichsam an alle Gläubigen. Kardinal Christoph Schönborn nennt es „eine Ermutigung für alle Gläubigen mit konkreten Schritten im Alltag zur Heiligkeit zu gelangen“ Und der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück sieht „die Demokratisierung des Heiligkeitsbegriffes“ als zentrales Anliegen des Schreibens. Dem Papst ist wichtig, dass nicht Modelle kopiert werden, sondern Inspiration gefunden wird. Das Besinnungsbüchlein befasst sich mit vielen Fragen, die zu biblischen Zeiten andere waren als heute.

Das Ganze ist in die Grundmelodie „Barmherzigkeit“ eingefügt. Das Wort, das im Zentrum des päpstlichen Redens steht. „Barmherzigkeit ist das pulsierende Herz des Evangeliums“ (§ 97). Heiligkeit drückt sich für viele in einem Gesicht aus, das asketisch verbissen aussieht, mahnt und von der schlechten Welt redet. Nicht für Franziskus: „Heiligkeit impliziert nicht einen apathischen, traurigen, säuerlichen, melancholischen Geist oder ein schwaches Profil ohne Kraft. Der Heilige ist fähig mit Freude und Sinn für Humor zu leben“ (§122).

Es ist schwierig, das Schreiben zusammenzufassen. Um ihm gerecht zu werden, müsste man alle 177 Paragrafen je einzeln zusammenfassen. Denn praktisch jeder formuliert wichtige Fragen und Anliegen. Ich kann also nur weniges ansprechen, aber die Lektüre wärmstens empfehlen, umso mehr als der Papst einfach, alltäglich und ohne geheimnisvolle, theologische Sätze schreibt.

„Es soll hier nicht um Abhandlungen über die Heiligkeit gehen, mit vielen Definitionen und Unterscheidungen….oder mit Analysen über die Mittel der Heiligkeit. Mein bescheidenes Ziel ist es, den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen und zu versuchen, ihm im gegenwärtigen Kontext mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen zu lassen“ (§2). Heiligkeit ist keine Frömmelei, „sie wächst durch kleine Gesten. Eine Frau geht beispielsweise auf den Markt zum Einkaufen, trifft eine Nachbarin, fängt aber nicht an zu tratschen, sondern nimmt sich vor, über niemanden schlecht zu reden“ (§16). Ein wichtiger Teil des Textes (§ 63 - 98) deutet die Seligpreisungen. Etwa die Seligpreisung „Selig, die Trauernden..“. Der Papst weit darauf hin, dass die Welt uns das Gegenteil vorschlägt. Genuss, Zerstreuung, Vergnügen. Wer darauf einsteigt, schaut weg. Weder Not noch Krankheit will er sehen. Er zieht es vor, leidvolle Situationen zu ignorieren, zu verdecken oder zu verstecken und damit verschleiert er die Realität. Barmherzigkeit ist in diesem Abschnitt zentral. „Sie beinhaltet zwei Aspekte, den andern geben und helfen, dienen und ebenso vergeben und verstehen“(§81). Selig sind nicht die, die auf Rache sinnen, sondern die, die vergeben. In einem weiteren Abschnitt schreibt er von den Ideologien, die den Kern des Evangeliums entstellen (§100 - 109). Er nennt schädliche Verhaltensweisen. “Etwa die Haltung jener Christen, die die Forderungen des Evangeliums von ihrer persönlichen Beziehung zum Herrn…von der Gnade trennen. So wird das Christentum zu einer Art NGO, es wird jener leuchtenden Spiritualität beraubt, die der heilige Franz von Assisi und viele andere so klar gelebt und sichtbar gemacht haben.“ Oder der fehlende Wagemut“ die Versuchung an einen sicheren Ort zu fliehen, der viele Namen haben kann: Individualismus, Spiritualismus, Einschliessen in kleine Welten, Abhängigkeit, Sich-Einrichten, Wiederholung bereits festgelegter Schemata, Dogmatismus, Nostalgie, Pessimismus, Zuflucht zu den Normen“ (§134). Wer kennt diese Tendenzen in der Kirche nicht? Staunend und positiv überrascht stelle ich fest, dass die Sexualmoral der Kirche mit keinem Wort genannt wird. Was früher im Zentrum der Beichte stand, bleibt da aussen vor.

Bevor ich zwei kritische Bemerkungen zum Schreiben mache, möchte ich noch eine Passage zitieren, wie präzis der Papst Versagen von kirchlichen Gruppen wahrnimmt: „Es gilt, sich nicht von der Gewalt mitreissen zu lassen, die sich im sozialen Leben verbreitet. Es tut uns nicht gut, von oben herab, die Rolle gnadenloser Richter einzunehmen, die anderen für unwürdig zu halten und ständig Belehrungen geben zu wollen. Das ist eine subtile Form der Gewalt“ (§116/117).

Mich ärgert das zweite Kapitel mit der Überschrift „Zwei subtile Feinde der Heiligkeit“. Damit sind Gnosis und Pelagianismus gemeint, die in der frühen Christenheit vertreten und als Häresien verurteilt wurden. Der Pelagianismus wurde im Konzil von Ephesus 431 verurteilt. Augustinus war der Hauptgegner und hat subtil, im Grunde aber politisch verschlagen, gegen Pelagius gewirkt. Die Gnosis war eine weit verbreitete Sicht auf das Erlösungsgeschehen. Spuren davon sind auch im Johannesevangelium zu finden. Diese beiden Sichtweisen als schwarze Folie zu gebrauchen, um davor die wahre Heiligkeit aufleuchten zu lassen, enttäuscht mich. Denn die beiden Sichtweisen stellen bedenkenswerte Fragen und ihre Antworten sind nicht einfach des Teufels. Und damit bin ich schon beim zweiten Kritikpunkt. Franziskus lässt wie in manchen seiner Predigten auch hier den Teufel auftreten:
„Der Kampf und die Wachsamkeit…ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist“ (§159). Klar gibt es das abgründig Böse. Aber die Vorstellung des Teufels entspricht nicht mehr einer heute nachvollziehbaren, durch das Feuer der Aufklärung gereinigten Rede davon.

Aber Teufel hin oder her, ich freue mich über dieses Schreiben des Papstes und ich möchte neben ihm, nicht hinter ihm her den Weg in ein lebendiges Christsein gehen.

Xaver Pfister, Theologe und Publizist

Gaudete et Exsultate auf Deutsch: www.vaticannews.va/de/papst/news/2018-04/gaudete-et-exultate-exhortation-wortlaut-amtliche-uebersetzung.html

Themen: Papst Franziskus, Papstschreiben

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