Eine schwache Lanze für die Ökumene

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 28. Juni 2018 09:51:44 MESZ

Der Papst stärkt in Genf die gelebte Ökumene - wenn auch nur indirekt.

Papst genf (2)

@EPD Albin Hillert

Ausser Spesen nichts gewesen. So werteten viele Beobachter den Besuch von Papst Franziskus in Genf beim Weltkirchenrat, der anlässlich seines 70-jährigen Jubiläums eingeladen hatte. Und in der Tat wirkte es auf den ersten Blick unangenehm befremdlich, dass am Ende der als «ökumenische Pilgerreise» deklarierten Visite keine ökumenische Feier, sondern ein durch und durch katholisch conzelebrierter Gottesdienst stand.

Wie bei einem Popkonzert jubelten mehr als 30'000 papstbegeisterte Gläubige frenetisch, als der Mann in Weiss in die riesige Palexpo-Messehalle in Genf einrollte. Zu Kommunionempfang hatte Alain de Raemy, Weihbischof des Bistums Lausanne, Genf, Fribourg, «alle unsere christlichen Brüder und Schwestern herzlich willkommen» geheissen. Kein Wort davon, dass gemäss lehramtlichen Verständnis nur Katholiken zur Eucharistiefeier eingeladen sein können. Nichts war davon zu hören, dass die fehlende Abendmahlsgemeinschaft seit Jahrzehnten eine offene Wunde der Ökumene ist. Die Genfer Ehrengäste vom Ökumenischen Weltrat der Kirchen (ÖRK) in der ersten Reihe blieben denn auch auf ihren Stühlen sitzen, während die vielen anderen Christinnen und Christen mit einem Glänzen im Gesicht zur Kommunion schritten, ohne dass ein Priester die Protestanten unter ihnen kontrollierte.

Auch wenn von römischer Seite in Genf theologisch nichts Neues in Sachen Ökumene zu hören war, so ist auf den zweiten Blick diese ungezwungene Art des gemeinsamen Kommunionempfangs positiv zu werten als ein starkes, wirkmächtiges Zeichen gelebter Ökumene. Und dies notabene im Beisein und unter den Augen des Papstes. Die unausgesprochene, indirekte Botschaft des Papstes dahinter lautet: Wartet nicht auf Rom, sondern macht einfach, was euch das Gewissen auf dem Weg zur Einheit der Christen sagt. Ökumene wächst von unten und funktioniert längst unkompliziert vor Ort an der Basis. Einmal mehr bekräftigte Franziskus in Genf denn auch, dass er Ökumene als einen Auftrag des Evangeliums versteht. «Möge der Glaube uns Orientierung geben, denn in Jesus sind die Mauern der Trennung bereits besiegt und alle Feindseligkeiten überwunden», predigte der entschiedene Verfechter gelebter Ökumene.

Das mag wie ein Stich ins Herz aussehen, führt man sich die unerbittliche dogmatische Härte des enervierenden Kommunionstreits der deutschen Bischöfe vor Augen. Wie nicht anders zu erwarten ging der Pontifex in Genf mit keiner Silbe darauf ein, dass er die Handreichung für evangelische Ehepartner Mitte Juni gestoppt hatte. Das holte der Bischof von Rom auf dem Rückflug von seiner Visite in der Stadt des Reformators Calvin jedoch nach. Demnach betrachte Franziskus den Brief der Glaubenskongregation an die deutschen Bischöfe nicht als «ökumenische Bremse», wie die Katholische Nachrichten Agentur KNA berichtete. Der entscheidende Punkt sei die Zuständigkeit des einzelnen Ortsbischofs. Dieser könne laut Kirchenrecht eine ausnahmsweise Zulassung nichtkatholischer Ehepartner zur Kommunion für sein Bistum auf seine Weise regeln. Aber «wenn eine Bischofskonferenz etwas approbiert», so Franziskus, «wird es sofort universal. Und das ist die Schwierigkeit in der Diskussion, nicht so sehr der Inhalt.» Zugleich kündigte er «ein Dokument zur Orientierung» an.

Auf dem Boden in Genf indes waren klare Botschaften nicht vom Papst zu hören. Eher verklausuliert meditierend sprach er im Weltkirchenrat als Brückenbauer. Trotz aller ökumenischen Differenzen sei es jetzt schon möglich, «im Geist zu wandeln: Gemeinsam gehen, gemeinsam beten, gemeinsam arbeiten.» Gastgeber ÖRK-Generalsekretär Olav Fykse Tveit stiess ins gleiche Horn: «Und wir werden gemeinsam unterwegs sein, beten und arbeiten.» Ziel bleibe die Einheit, bekräftigte der Papst.

Diese salbungsvollen Formeln mag man als Worthülsen und ökumenischen Stillstand taxieren. Zugleich zeigen sie in aller Deutlichkeit: den Spagat des Papstes zwischen dogmatisch verkrustetem Lehramt und einer gelebten Ökumene, der Franziskus in Genf zumindest keine weiteren Steine in den Weg gelegt hat. Das lässt hoffen auch für eine Lösung des Kommunionstreits mit den deutschen Bischöfen zugunsten einer förderlichen ökumenischen Kooexistenz.                     

 

Themen: Papst Franziskus, Papstbesuch Genf, Ökumene

aufbruch Blog

Der aufbruch interessiert sich für das, was an den Rändern der Konfessionen und Religionen aufbricht, und macht sich stark für eine gelebte Ökumene. Er engagiert sich in der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Religionen und ist gesellschaftskritisch präsent, wo es um christliche Werte geht.Der aufbruch deckt 6-mal im Jahr ein breites Themenspektrum aus Religion und Gesellschaft ab.

Für den eNewsletter anmelden

Aktuelle Ausgabe:

235: Klimaschutz – Von Irrwegen und Hoffnungsschimmern

Ansichtsexemplar bestellen

 

 

 

Neuste Beiträge

Beiträge nach Themen

alle ansehen