Ein kleiner Anstoss, der den Stein ins Rollen bringt

Publiziert von Erwin Koller am 4. November 2019 um 10:29:06 MEZ

Kommentar von Erwin Koller zur Amazonas-Synode

Amazonas Synode

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6400 km ist er lang, 10‘000 Flüsse münden in ihn, neun Länder durchfliesst er, gegen 400 Völker leben in seinem Becken so gross wie drei Viertel Europas: der Amazonas. Darüber hinaus umfasst die «grüne Lunge des Planeten» einen Drittel der globalen Urwaldbestände. Kaum erstaunlich, dass uns von dort Nachrichten erreichen, die man auf keinen Nenner bringen kann. Wir sehen seit Monaten Bilder vom brennenden Regenwald, angefeuert von Brasiliens Staatspräsident Bolsonaro. Viele Europäer schimpfen über den neoliberalen Trump-Freund und vergessen dabei, wie sehr sie auf Bolsonaros Seite stehen: Mit jedem Stück Fleisch, das sie essen, schaffen sie die Nachfrage für sein Geschäftsmodell. Amazonien ist im wahren Sinn

ein Brennpunkt innerer Widersprüche grüner Bekenntnisse

Andererseits ging am letzten Oktobersonntag in Rom eine Amazonas-Synode zu Ende, von der hierzulande vor allem eines aufhorchen liess: Rund 300 Bischöfe, Ordensleute und Laien, vor allem Indigene, haben während drei Wochen die Situation der Kirche in Amazonien beraten. Und die 185 stimmberechtigten Bischöfe sind mit einer Dreiviertels-Mehrheit zum Schluss gekommen, dass der Papst die Weihe von verheirateten Männern zulassen müsse, um Menschen auf diesem Kontinent zu ermöglichen, mehr als ein- oder zweimal im Jahr eine Eucharistie zu feiern. Der ecuadorianische Bischof Rafael Cob etwa berichtete, in seiner Diözese Puyo im Amazonas-Tiefland gebe es 16 Priester für ein Gebiet so gross wie die Schweiz: «Wir brauchen eine Präsenzpastoral, nicht eine Besuchspastoral!»

Natürlich sprach sich eine Minderheit von Bischöfen (41 Nein- gegen 128 Ja-Stimmen) auch gegen diesen Beschluss zuhanden des Papstes aus. Franziskus hielt ihnen mit entwaffnender Offenheit ein Wort des Dichters Charles Péguy entgegen: «Ihr meint, auf der Seite Gottes zu sein, weil ihr nicht den Mut habt, auf der Seite der Menschen zu stehen.»

Was aber hat der brennende Regenwald mit dem Zölibat zu tun?

Eines zumindest: Es geht ums Lebendige. Fragen um die Seelsorge sind in Amazonien kein akademischer Disput. Wenn Ordensfrauen und Vertreterinnen der Indigenen und der Nachfahren entflohener Sklaven sich auf der Synode für die Menschenrechte einsetzten – und es gibt keine Seelsorge ohne Menschensorge –, dann riskierten sie, dass sie oder ihre Angehörigen zuhause ermordet werden. Erzbischof Romero hat es am eigenen Leib erfahren, Bischof Erwin Kräutler ums Haar, in Kardinal Pedro Ricardo Barretos Heimat trugen sie, weil er gegen die Minen und die Metallindustrie protestierte, einen Sarg mit seinem Namen durch die Stadt. Der Vorsitzende der Synode, Kardinal Claudio Hummes, musste wissen, was es bedeutet, wenn er die Synodalen trotzdem aufforderte: «Sprecht frei und ohne Angst!» Je kritischer auf der Synode im Geist der Enzyklika «Laudato sí» die Ökologie und der gefrässige Kapitalismus ins Auge gefasst wurden, desto gefährlicher für die Synodalen aus der Amazonasregion.

Warum eine Amazonas-Synode in Rom?

Es schien zunächst befremdlich, dass eine Amazonassynode in Rom stattfinden muss. Vom Ergebnis her kann man es nur begrüssen: Endlich sind die Nöte vom Ende der Welt im Zentrum der Kirche angekommen. Ob es dort auch begriffen wurde, steht noch dahin. Es gab Dinge, wo man sich in die Zeit der spanischen und portugiesischen Konquistadoren zurückversetzt fühlte. Etwa als Indios in ihrem Schmuck auftraten und Papst Franziskus Kritiker zurechtweisen musste: «Was ist denn der Unterschied zwischen einem Federnschmuck und einem Birett?» Oder als indigene Holzfiguren aus der Kirche Santa Maria in Traspontina bei der Engelsburg entwendet und in den Tiber geworfen wurden: Darstellungen kniender, nackter und schwangerer Frauen, Symbole des Lebens, des gegenwärtigen und des künftigen. Sie mochten an die Pachamama, die Fruchtbarkeitsgöttin der Indios, erinnern – an was denn sonst erinnern unsere zahllosen Madonnenfiguren, noch gar wenn sie schwarz sind? Doch in einem Hass-Tweet lobte ein US-amerikanischer Priester das Versenken der Holzfiguren und gestand, er sei versucht, «jenen ein ähnliches Schicksal zu wünschen, die diese Götzenbilder in einer Kirche erlaubt haben».

Auch so also wurde der Schrei der Armen aufgenommen – sichtbarer Ausdruck des Dramas, das die römische Kirche umtreibt. Es gibt katholische Ultras, die mit einer Spaltung der Kirche drohen, wenn der Zölibat aufgehoben werde. Hand aufs Herz: Verdient eine Kirche, die daran zerbricht, aufrechterhalten zu werden? Und überhaupt: Ist sie nicht längst gespalten? 1000 Jahre kam sie ohne den obligatorischen Zölibat aus, und auch nachher wurde er hart kritisiert und nur partiell eingehalten. Wenn ein Kirchengesetz ohne biblische Grundlage so hoch gehängt wird – «Nur ein Konzil kann das ändern!» –, kommt es einem als Eidgenosse vor, wie wenn man eine Volksabstimmung machen müsste, um ein Fahrverbot aufzuheben, damit ein Rettungsfahrzeug durchkommt.

Welches sind die Konsequenzen der Amazonas-Synode?

  1. Der Papst wird noch vor Weihnachten verbindlich zu den Beschlüssen Stellung nehmen.
  2. Zu meinen, es gebe nur in der Amazonasregion gute Gründe für die Aufhebung des Zölibats, ist eine Illusion. Die Debatte wird schnell in Fahrt kommen.
  3. Es geht nicht um eine Feuerwehraktion, sondern um Menschenrechte. Auch wenn pastorale Löcher mit «bewährten Männern» gestopft werden, bleibt die Weihe ebenso bewährter Frauen ein dringliches Postulat, dem sich die Hierarchie nicht entziehen kann, erst recht die gegenwärtige Kirche auf der Intensivstation: auch dieser Damm wird brechen.
  4. Der kleine Schritt, den Franziskus mit dieser Synode gegangen ist, könnte zum grössten seiner Ära werden. Wenn der Kreuzweg der Völker Amazoniens und eng damit verbunden die Sorge um die Schöpfung in der Mitte der Kirche ankommen und alle zu einem einfacheren und bescheideneren Lebensstil auffordern, dann hat sich Franz von Assisi durchgesetzt.

 

Uster, an Allerheiligen 2019 / Erwin Koller

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