Ein Exodus mit Konsequenzen

Publiziert von Darius N. Meier am 19. Oktober 2017 16:50:55 MESZ

Durch die Auswanderungswellen der Christen aus dem Westjordanland verschärft sich der Israel-Palästina Konflikt und wird um eine Facette reicher bzw. ärmer. Die mässigende Rolle, welche die Christen im Westjordanland innehatten, wird vermindert und die Auseinandersetzung droht auf einer neuen, religiösen Stufe zu eskalieren.

Symbolische Absperrungen vor der Geburtskirche.jpg

Die traditionell relativ starke Präsenz von Christen innerhalb der palästinensischen Gebiete von bis zu zehn Prozent der Bevölkerung ist innerhalb der letzten Jahrzehnte auf etwa ein Prozent gesunken. Gründe dafür sind die schlechten wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven innerhalb des von Israel besetzten Westjordanlandes verbunden mit einer instabilen politischen Situation, welche in einer beschränkten Bewegungsfreiheit gipfelt, verursacht durch Trennmauern und Absperrungen sowie Checkpoints. Beispielsweise braucht die palästinensische Bevölkerung mühsame Spezialbewilligungen, um auf israelischem Gebiet zu arbeiten.

Abfall und Zäune in Bethlehem.jpg

Der stellvertretende Bürgermeister von Bethlehem, Hanna Hanania, wählt dramatische Worte: «Jede Sekunde verlassen Christen Bethlehem», dies zeigt auch die Ohnmacht der politischen Autoritäten, die Christen in den Gebieten unter palästinensischer Verwaltung zu halten. Politisch haben sie nach wie vor eine überproportionale Vertretung in der Administration verglichen mit dem verbleibenden Anteil an der Gesamtbevölkerung. Waren zum Beispiel in Bethlehem im Jahr 1948, also zur Zeit der Gründung des Staates Israels, 7650 der 8820 Bewohner der Stadt und somit etwa 86 Prozent christlich sind es laut neusten Zahlen von 2015 bloss noch 6559 von 35'000 und damit etwa 19 Prozent. Statistischen Erwartungen zufolge werden bereits in etwa 40 Jahren keine Christen mehr im Westjordanland leben. «Ich denke, ich werde der letzte christliche Bürgermeister sein», meint Hanania dazu und eine traurige Zukunftsperspektive schwingt in den Worten mit.

Begegnung mit stellv. Bürgermeister von Bethlehem.jpg

Der Autor im Gepräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister in Bethlehem

Per Gesetz sind heute noch der Bürgermeister und dessen Stellvertreter in verschiedenen grössere Städten im Westjordanland christlichen Glaubens, so auch in Bethlehem. Trotzdem verlieren die tendenziell gut gebildeten Christen immer mehr die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation und verlassen die Region, grösstenteils in Richtung USA und Lateinamerika. In Bezug auf den Konflikt zwischen den Palästinensern und Juden im Heiligen Land wird dies zu einer Zuspitzung der Situation führen, da sich damit der Fokus von der ethnischen Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern immer mehr in eine religiöse Richtung verschiebt, bei welcher sich primär Juden und Muslime gegenüberstehen. Die säkularere Tradition innerhalb der palästinensischen Bewegung, welche Christen und Muslime gleichermassen miteinbezogen hat, droht durch die Auswanderungswellen der Christen zu verschwinden und eine Radikalisierung wie im bereits christenfreien Gazastreifen droht nun auch im Westjordanland.

Darius N. Meier hat Religion, Wirtschaft und Politik an den Universitäten Luzern, Basel und Zürich studiert. Er beschäftigt sich mit den Herausforderungen des interreligiösen Lebens und weilt derzeit zu Forschungszwecken in Israel und dem Westjordanland. 

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