Der Undogmatische

Publiziert von Christian Urech am 20. September 2017 09:20:41 MESZ

Generalvikar Martin Kopp teilt sein Leben mit Jugendlichen in Konfliktsituationen und solchen auf der Flucht: Ein "Clubhaus" der besonderen Art.

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Martin Kopp ist ein erstaunlicher Mann. Der über 70-Jährige bewältigt ein Arbeitspensum, das manchen viel Jüngeren alt aussehen lassen würde – und wirkt dabei alles andere als alt, sondern voller Energie. Er ist nicht nur Generalvikar im Bistum Chur für die Kantone der Urschweiz, sondern vertritt auch zahlreiche vakante Pfarrstellen – der Priestermangel lässt grüssen. An manchen Wochenenden führt er bis zu vier kirchliche Veranstaltungen durch: Messen, Abdankungen für verstorbene Pfarrkollegen, Firmungen … Und ganz nebenbei wirkt er noch als positive Vaterfigur im “Clubhuus“, dem Haus, in dem er zusammen mit »seinen« Jugendlichen in Wohngemeinschaft lebt – Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen aus der Umgebung, Jugendlichen auf der Flucht aus weit entfernten Ländern wie Afghanistan, Somalia und Eritrea. Wie schafft der Mann das? „Das Zusammenleben mit den jungen Menschen ist zwar manchmal anstrengend und nervenaufreibend, es ist aber auch eine ungeheure Quelle der Energie“, erläutert der Kirchenmann. Wir sitzen im Esszimmer der WG am grossen Tisch. Martin Kopp erzählt mir die Geschichte des Projekts. In der schwierigen Anfangszeit hatte Kopp keine Mitarbeitenden und nur vereinzelt freiwillige Helferinnen und Helfer, heute arbeiten zwei Sozialarbeiterinnen mit Teilzeitpensen und zwei Zivildienstleistende mit im Team. Finanziert wird das Projekt über einen Trägerverein ausschliesslich durch Spenden.

Vor zwei Jahren, als zwei Austritte von Jugendlichen gleichzeitig anstanden und sich die Flüchtlingskrise über die Balkanroute auf ihrem Höhepunkt befand, schlug Kopp vor, an deren Stelle zwei jugendliche Flüchtlinge aufzunehmen. Die anderen Bewohner waren anfangs gar nicht begeistert und einer von ihnen beschwor Kopp mit den Worten: “Die sind dann richtig schwierig!“ Worauf Kopp lächelnd beruhigte: “Kein Problem, ich bin mir den Umgang mit schwierigen Fällen gewohnt.“

Gelebte Nächstenliebe
Die drei jungen afghanischen Flüchtlinge, die dem “Clubhaus“ schon bald vom zuständigen Roten Kreuz zugewiesen wurden, erwiesen sich dann als gar nicht schwierig, ganz im Gegenteil. “Die drei wurden schnell zum festen Bestand des Hauses, und das war für das Haus wirklich ein Geschenk. Und die anderen haben sie nach kurzer Zeit akzeptiert.“ Durch die Flüchtlinge habe das Gemeinschaftsleben eine zusätzliche Dimension gewonnen, sei breiter und tiefer geworden, beide Seiten würden voneinander profitieren. Den Flüchtlingen helfe die Gemeinschaft bei der Integration, die einheimischen Jugendlichen profitierten von der zusätzlichen Lebenserfahrung, Zielorientierung und Leistungsbereitschaft der Flüchtlinge.“

Das Gemeinschaftsleben kristallisiert sich um die gemeinsamen Mittags- und Abendessen, die die Möglichkeit geben zum Austausch, zur Zusammenarbeit und zum Gespräch. “Ohne diese gemeinsamen Mahlzeiten würde das Gemeinschaftsleben nicht funktionieren“, weiss Kopp. Ohne dass das zur Regel gemacht worden wäre, beginnt niemand mit dem Essen, bevor nicht allen geschöpft wurde. Dann spricht Kopp ein einfaches Tischgebet, das vor allem Dankbarkeit ausdrückt. Das sei bisher noch von niemandem, auch nicht von den Anders- oder Nichtgläubigen, in Frage gestellt worden, betont Kopp.

Kopp ist kein dogmatischer Mensch, im Gegenteil: Er zwingt niemandem seinen Glauben auf. Im Gegenteil: Er freut sich darüber, wenn Andersgläubige ihren Glauben mit Ernst und Überzeugung ausüben. Am Weihnachtsfest nehmen auch die Muslime teil, und während des Ramadan wird extra eine “Ramadanküche“ für sie eingerichtet. Am Fastenbrechen nimmt auch Kopp teil, der dann von den anwesenden Muslimen gebeten wird, das Tischgebet zu sprechen. Und als der Vater eines der Zivildienstleistenden gestorben war, wollten ausgerechnet die Afghanen unbedingt an der Begräbniszeremonie teilnehmen.

Sein Projekt hat auch für Kopp ganz zentral mit seiner Religiosität zu tun. “Auch wenn ich der einzige Katholik hier bin, ist das Ganze für mich dennoch ein kirchliches Projekt. Für mich ist der diakonische Gedanke, die Nächstenliebe nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben, wegweisend. Da sehe ich mich auch im Einklang mit Papst Franziskus, der uns auffordert, als Kirche zu den Menschen am Rand zu gehen.“ Es geht ihm auch um seine Glaubwürdigkeit als Generalvikar, um eine gewisse Vorbildwirkung. Denn davon ist Kopp überzeugt: Die katholische Kirche wird ihre Krise nur dann überwinden, wenn sie aus dem Evangelium heraus zutiefst lebt, was sie predigt.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe abgedruckt.

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Themen: Integration, Generalvikar, Clubhuus, Martin Kopp

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