„Das wirst du in deinem Leben noch brauchen“

Publiziert von Judith Albisser am 7. Juni 2017 17:10:01 MESZ

Im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich ist zurzeit die Ausstellung „The Last Swiss Holocaust Survivors“ zu sehen. Die Ausstellung porträtiert zwölf der letzten Zeugen der Shoa. Aufgrund des grossen Besucherandrangs ist die Wanderausstellung soeben für zwei weitere Wochen verlängert worden (bis 15.6.2017). Sie ist im Herbst in Bern und im Winter in Basel zu sehen.

Porträt Ausstellung ETH

Eindrückliche Kurzfilme gewähren Einblicke in die unvorstellbar schrecklichen Erfahrungen
Die ergreifenden und grossformatigen schwarz-weiss Porträts des bekannten Fotografen Beat Mumenthaler zeigen Menschen, welche den Holocaust am eigenen Leib erfahren haben. Ihnen ist die Ausstellung im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich gewidmet, welche die Gamaraal Foundation konzipiert hat. In eindrücklichen Kurzfilmen vom Zürcher Regisseur Eric Bergkraut legen diese alten Menschen noch einmal Zeugnis ihrer grauenvollen Erfahrungen ab, welche sie als Kinder oder Jugendliche in verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslagern während des Zweiten Weltkrieges erlebten. Dadurch werden diese Erfahrungen für die Besucherinnen und Besucher greifbarer, nahbarer, konkreter – und mit ihnen auch das Grauen, welches das ganze Ausmass dieser Schreckensherrschaft nochmals vergegenwärtigt.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wieso es heute noch wichtig ist, über den Holocaust zu sprechen. Genau darum geht es: Mit den letzten Zeitzeugen verschwindet zunehmend auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Und das darf nicht passieren.

Grundbildung im Lager
Ivan Lefkovitz wurde 1937 in Prešov, der heutigen Slowakei, geboren. Im Herbst 1944 wurden Ivan, seine Mutter Elisabeth und sein Bruder Paul nach Ravensbrück deportiert. Sein älterer Bruder Paul wurde ins Männerlager gebracht und später umgebracht. Ivan konnte mit seiner Mutter zusammenbleiben und beide überlebten. Ivan Lefkovitz erzählt, dass er Lesen und Schreiben und das ganze Einmaleins unter schlimmsten Umständen im Lager gelernt habe. Seine Mutter habe zu ihm gesagt: «Das wirst du in deinem Leben noch brauchen.» Das war magisch erinnert er sich, denn das hiess, du wirst überleben.

Reduziert auf eine Nummer
Nina Weil wurde als Zehnjährige vom Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien nach Auschwitz deportiert. An die Überfahrt kann sie sich noch genau erinnern: «Unsere Viehwaggons kamen in der Nacht an. Im Konzentrationslager wurde uns alles weggenommen und die Haare wurden uns geschoren.» Nina Weil musste ihren linken Arm hinhalten und bekam die Nummer 71978 eintätowiert. Sie habe geweint, weil sie wusste, dass sie ihren Namen verloren habe.

Der geniale Verdränger
Egon Holländer aus der Slowakei erzählt, dass er ein genialer Verdränger sei, und dass ihm diese Strategie das Leben gerettet hätte. Er kam als sechsjähriges Kind eingepfercht in einem Viehwagon nach Auschwitz. Er erinnert sich, dass schwarzer Rauch aus den grossen Kaminen drang. Während der Zeit in Auschwitz verstarb seine Mutter an Typus. Was er nie vergessen konnte, waren die Berge von Leichen, die er sah. Egon Holländer hat nur knapp überlebt – als er Ende des Krieges schliesslich gerettet wurde, bestand er nur noch aus Haut und Knochen.

Bleibt kritisch und hinterfragt alles!
«Seid keine Mitläufer, hinterfragt alles und bekämpft das Schlechte!» – «Es darf sich nicht wiederholen, was damals geschah. Zeigt Zivilcourrage!» – «Haltet in Erinnerung: 50 Millionen Menschen sind im Zweiten Weltkrieg umgekommen, weil man die Entwicklung nicht hinterfragt hat.» Das sind die Botschaften, welche die letzten Zeugen des Holocaust am Ende der Filmporträts an die heutige Jugend mitgeben. Genau aus diesen Gründen ist es heute sehr wichtig, dass neben der Vermittlung von historischem Wissen auch eine Moral- und Werteerziehung von Schülerinnen und Schülern stattfindet, um sie gegenüber Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus zu sensibilisieren. Historisches Lernen und eine ethische Erziehung sind heute wichtiger denn je – gerade in Zeiten der Unsicherheit und des zunehmenden Terrorismus.

Themen: Holocoust, Zeitzeugen, Shoa, Zweiter Weltkrieg

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