Das Verstummen des Summens

Publiziert von Judith Albisser am 24. Mai 2018 09:50:38 MESZ

Die Zahlen sind erschreckend: gut drei Viertel aller Fluginsekten sind gemäss einer breit angelegten Studie innerhalb von 27 Jahren verschwunden

© epd-bild  Steffen Schellhorn

© epd-bild  Steffen Schellhorn

Ein internationales Forscherteam hat den dramatischen Insektenrückgang in Nordwestdeutschland in einer im Oktober 2017 veröffentlichten Studie bestätigt. Seit den 1990er-Jahren ist demnach ein Biomassenverlust bei Fluginsekten von 76 bis 81 Prozent feststellbar. Man muss kein Prophet sein, wenn man davon ausgeht, dass es in der Schweiz um den Insektenbestand ähnlich schlecht bestellt ist.

Ohne Insekten sind funktionierende Ökosysteme nicht möglich. Gerade im Bereich der Ernährung erbringen sie für unsere Gesellschaft lebensnotwendige Leistungen, etwa beim Bestäuben von Pflanzen. Insekten sind einerseits die artenreichste Gruppe von Lebewesen, andererseits reagieren sie schnell auf Veränderungen der Landschaft. Sie sind somit ein Indikator für deren Zustand. Der immense Verlust des Insektenbestandes hat weitgehende Folgen für das gesamte Ökosystem und wird sich stufenweise auf weitere Tierarten ausweiten – so beispielsweise auf Singvögel, zu deren Haupternährungsquelle Fluginsekten zählen.

Das dramatische Insektensterben ist nicht nur für Entomologen und Umweltschützer ein Alarmsignal, sondern ruft auch Politiker auf den Plan. So hat der CSP-Nationalrat Karl Vogler im Dezember 2017 die Interpellation »Dramatisches Insektensterben« im Nationalrat eingereicht. Der Bundesrat antwortete im Februar 2018. Einerseits liess er verlauten, dass der Schutz der Biodiversität in der Bundesverfassung und in den Gesetzesgrundlagen verankert sei. Biodiversitätsförderflächen würden mittels Direktzahlungen in der Landwirtschaft gefördert. Andererseits lägen im Aktionsplan zur »Strategie Biodiversität Schweiz« Massnahmen zu deren Erhaltung vor. Weitere Massnahmen zugunsten der Insekten seien im Massnahmenplan Bienengesundheit sowie im Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln vorgesehen. Doch die Zeit drängt, zumal sich das Bundesamt für Umwelt BAFU für den Aktionsplan Biodiversität viele Jahre Zeit gelassen hat.

Mitte März hat Karl Vogler nun eine Motion eingereicht, mit der er ein Monitoring, also eine systematische Beobachtung der Insekten in der Schweiz, fordert. Der WWF Schweiz begrüsst diese Idee sehr, da ein solches Monitoring Daten zur Entwicklung des Insektenbestandes erhebt. Für den Naturschutz seien dies wichtige Daten, da nur mit einem Monitoring langfristige Entwicklungen objektiv feststellbar seien, erklärt der WWF weiter.

Als Hauptursachen für das Insektensterben gelten laut dem WWF Schweiz der Lebensraumverlust, der bedingt wird durch die intensive Landwirtschaft, zu aufgeräumte Landschaften und Hecken, fehlende Futtermöglichkeiten, überhöhte Pestizideinsätze und allgemein die Belastung der Umwelt durch schädliche Stoffe wie beispielsweise Stickstoff. Deshalb, so der WWF weiter, brauche es zum Schutz der Insekten Massnahmen auf verschiedenen Ebenen.

Die Anwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft müsse auf ein Minimum reduziert werden. Private sollten gänzlich auf künstliche chemische Spritzmittel verzichten. Strassenböschungen sollten »insektenfreundlich« geschnitten und gepflegt werden. Zudem würden ein höherer Todholzanteil sowie Gründächer den Insekten helfen.

In der Schweiz sind mittlerweile 40 Prozent aller untersuchten Insektenarten vom Aussterben bedroht. Laut WWF hat die Artenvielfalt in der Schweiz in den letzten Jahren stark abgenommen. Das habe sogar der Bund festgestellt und einen – aus ihrer Sicht ungenügenden – Aktionsplan zur Strategie Biodiversität festgelegt. Diese Massnahmen gehen dem WWF und weiteren Naturschutzorganisationen jedoch zu wenig weit.

Inwiefern dem Insektensterben Einhalt geboten werden kann, ist noch unklar. Klar ist hingegen, dass wenig Zeit bleibt. Jetzt ist erst mal das Parlament gefragt. Es muss demnächst zur Motion Vogler und dem geforderten Insekten-Monitoring Stellung beziehen.

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Themen: Insektensterben, Pestizide

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