Erik Flügge: Provokation als Programm

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 17. Oktober 2016 11:24:13 MESZ

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Erik Flügge hat ein Buch geschrieben, das zum Bestseller geworden ist. Es heisst «Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt» und kritisiert den gängigen «Kirchensprech».  Am 14. Oktober las er aus seinem Buch und diskutierte seinen Inhalt mit den etwa 40 Interessierten vor allem aus kirchlich-theologischen Kreisen, die gekommen waren – auf Einladung der reformierten Zeitschrift bref. Obwohl aus katholischer Perspektive geschrieben, provoziert das Buch offenbar vor allem Protestanten. Ist Flügges Kritik wirklich so treffend, wie es auf den ersten Blick scheinen will?

Von Christian Urech

Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reihen sich Sonntag für Sonntag auf den Kanzeln aneinander. Die Kirche scheint sprachlich in den Achtzigern hängengeblieben. Der Kommunikationsprofi Erik Flügge will mit dem Buch Strategien für eine zeitgemässe Sprache entwickeln, damit Kirche bei den Menschen besser «ankommt». Der 30jährige Erik Flügge studierte Theologie, Politikwissenschaften und Germanistik in Tübingen. Heute ist er Mitinhaber und Geschäftsführer einer Gesellschaft für strategische Beratung in Köln. Dabei berät er Politiker und Parteien bei der Kommunikation und Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Partizipationsprojekten.

Begonnen hat alles mit dem folgenden Blogeintrag von Erik Flügge auf seiner Webseite:

«Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuliesse, dass ich werde, was ich schon längst war. Hä? – Ach bitte, lasst mich doch mit so was in Ruhe. Wir leben in der Zeit des Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität und nicht zuletzt in der Zeit der subtilen Ironie. Hier ist kein Platz für erdrückende Ganzheitlichkeit. Allein schon das Wort Ganzheitlichkeit – drei zusätzliche Silben, um das bereits ganze Wort ‹ganz› noch gänzer zu machen. Mal ehrlich, ganz kann man nicht steigern und seit mindestens fünfzehn Jahren will der Mainstream unserer Gesellschaft diesen Versuch aus gutem Grund nicht mehr unternehmen.  Wo lernt man das eigentlich? Wo muss man hingehen, um beigebracht zu bekommen, die Betonung im Satz an der genau falschen Stelle zu setzen? Gibt es Rhetorikkurse für Zombie-Sprache für Predigten in Kirchen? Ich meine das ganz ernst, wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr in einer Kirche in offizieller Funktion sprecht, wird’s plötzlich scheisse. Wieso denn eigentlich? Ich kenne nur eine weitere Gruppe, die auch so eine ganz seltsame Sprache hat: Juristen. Die geben sich auch Mühe, möglichst nicht verstanden zu werden. Zugegebenermassen ist das aber genau deren Geschäftsmodell. Am einen Ende übersetzen Juristen allgemeinverständliche Überlegungen in unverständliche Gesetzestexte, um am anderen Ende Juristen Arbeit zu verschaffen, die für den einfachen Menschen wieder die Rückübersetzung vorzunehmen. Brillant gemacht, so geht denen niemals die Arbeit aus.

 

Zehntausende Klicks. Dieser Beitrag wurde innerhalb kurzer Zeit über Social Media wie Facebook geteilt; zehntausende Klicks auf dem Blog waren die Folge, und bald hatte Flügge auch Journalisten am Telefon, das Radio, grosse Tageszeitungen und viele innerkirchliche Medien.

Der Kösel-Verlag, der Verlag, in dem «sogar Papst Franziskus publiziert» (Flügge), fragte ihn daraufhin an, ob er aus seinem Bloggbeitrag nicht ein Buch machen wolle. Der junge Autor liess sich natürlich nicht zweimal bitten und haute seinen provokativen Text in die Tasten. Zwar gab es um den Titel noch ein kurzes Gerangel (Flügge wollte den Untertitel als Haupttitel, aber dann verkaufe der christliche Buchhandel das Buch nicht, meinte der Verlag. Worauf Flügge immerhin durchsetzte, dass der Untertitel stärker gedruckt wurde als der Haupttitel und so doch wieder als Haupttitel erscheint.)

PMan sieht schon an diesem Detail: Provokation ist Flügge wichtig als Programm. Nur was aneckt, was spaltet, ist interessant; das Ausgewogene lasse die Menschen kalt, während man der Provokation entweder ablehnend oder zustimmend gegenüberstehe, aber niemals gleichgültig. Das hat natürlich was, vor allem in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit als immer rareres Gut immer kostbarer wird. Provokation, so Flügge ganz ehrlich, schaffe Aufmerksamkeit, und nur, was auch Aufmerksamkeit errege, werde auch wahrgenommen und gekauft.

So schaffte es denn auch Flügges Werk in kürzester Zeit in die Bestsellerlisten und ist damit gleichzeitig ein Beleg für die These Flügges, dass die Pfarrerinnen und Priester in ihren Predigten eben auch mehr Aufmerksamkeit erzeugen sollten, auch mittels Provokation, wenn sie Erfolg haben wollen.

Nur bedingt. Gelingt es Flügge in seinem Buch und in der Diskussion, seine Positionen überzeugend wirken zu lassen und uns überzeugende Alternativen zum gängigen «Kirchensprech» anzubieten? Nur bedingt. Klar hat das Thema Sprengkraft, sonst würde das Buch nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten. «Die Entscheidung, das Buch zu schreiben, traf ich, weil mir sehr viele Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrer Kirche schrieben», sagt Flügge in einem Interview mit Bref. «Sie handelten von Zorn, Verzweiflung, Überforderung und Angst. Ich wollte diese Geschichten erzählen, genauso wie meine eigene. Es ist mein kleiner Beitrag, damit künftig das Christentum nicht durch seinen grässlichen Kirchensprech die Chance auf Verkündigung verspielt.» Alle Menschen, die er in der Kirche kenne, seien mit dem Problem der verquasten Kirchensprache vertraut, nur rede keiner darüber. Sein Buch spreche «auf ziemlich ruppige Art» das Kernproblem evangelischer und katholischer Verkündigung an. Und die Verantwortlichen würden sich gegenseitig darüber kein Feedback geben. Die Kritisierten, so Flügge, könnten sich in ihren Glaubenspositionen angegriffen fühlen. Dabei gehe es gar nicht um die Inhalte, sondern um die «Verpackung», quasi das «Handwerk» des Predigens. «Die Feedbackkultur ist einfach lausig. Man sagt es sich nicht – und die Gottesdienstbesucher sagen es auch nicht.» Die Folge? Jahr für Jahr besuchten immer weniger Leute den Gottesdienst.

Die Kritik zielt also auf die Person der einzelnen Pfarrerin, des einzelnen Priesters. Sie würden ihren Job nicht gut genug machen, entweder, weil sie zu wenig engagiert, zu «lau» seien, oder zu akademisch, oder einfach zu schlecht reden könnten. Diese Kritik kommt natürlich bei einigen im Publikum, die selbst auf einer Kanzel oder sonst vor einem Kirchenpublikum stehen, schlecht an. Was für den einen eine gute Predigt sei, sei es für einen anderen eben nicht. Prediger seien doch keine Verkäuferinnen und billigen Jakobe, die dem «tumben Volk» in populistischer Manier in möglichst einfachen Worten ihre Inhalte andrehen wollten. Das würden in genügendem Ausmass schon die Evangelikalen und die politischen Populisten machen. Der Name Trump fällt und wird mit den Namen Martin Luther King gekontert.

Die eine Schwäche von Flügges Ansatz ist also, dass er ganz auf die einzelne Person des Predigenden fokussiert, die ja aber auch die Repräsentantin eines Systems ist. Die andere besteht darin, dass man – zumindest ich als aussenstehender Leser – nicht ganz nachvollziehen konnte, was Flügge von der einzelnen Pfarrperson denn nun genau verlangt. Einerseits fordert er mehr Echtheit, mehr Authentizität, mehr inneres Engagement, anderseits eine bessere Rhetorik, ein besseres «Mundhandwerk». Das ist aber teilweise ein Widerspruch. Rhetorische Mittel sind Mittel, die ich bewusst einsetze, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Politikerinnen und Politiker, die das tun, sind meistens Personen, die eben gerade nicht authentisch sind, sondern zum Teil «Theater spielen». Sollen die Predigenden also Rhetorikkurse besuchen? Bewegen sie sich dann aber nicht in direkter Linie auf den amerikanischen Fernsehprediger zu, der seine rhetorischen Mittel aus dem Efef beherrscht? Oder sollen sie sich von den offiziellen Ritualen der Kirche gänzlich abwenden, um ganz und gar ihre eigene Befindlichkeit, ihre «wahre» Natur ins Zentrum zu setzen? (Ich übertreibe jetzt, ganz im Sinn der flüggeschen Provokation, auch.)

Das Problem bei Flügge liegt meiner Meinung nach darin, dass er gleichzeitig zwei «Hüte» trägt: den «Hut» des Kommunikationsexperten, der Politiker berät, und den «Hut» des Theologen. Diese beiden «Hüte» sind, um es mit einem Wortspiel auf den Punkt zu bringen, eben nicht «unter einen Hut» zu bringen. Es müsse sich eben die richtige Gesinnung, der richtige Glaube mit dem richtigen rhetorischen Instrumentarium verbinden, kontert Flügge den Populismuseinwand. Aber da stellt sich die Frage nach der richtigen Einstellung und dem richtigen Glauben, die auch schon einfacher zu beantworten war. Was ist mit der zweifelnden und vielleicht gar agnostischen Pfarrerin, dem ambivalenten und kritischen Priester, wie sollen die ihre Authentizität beweisen?

Ein weiterer Einwand aus dem Publikum betrifft die Frage, ob Flügge die Bedeutung des Gottesdienstes und vor allem auch des gesprochenen, des gepredigten Wortes für die Kirchen nicht überschätzt. Sind nicht das Handeln und der Umgang mit den Menschen viel wichtiger für die Bedeutung der Kirche als das Reden, ist ihr gelebtes Engagement nicht viel wichtiger als das gesprochene Wort?

Viele Fragen blieben an diesem Abend offen. Eine gewisse Ratlosigkeit machte sich am Ende im Publikum breit. Flügge ist es immerhin gelungen, ein Thema, das offenbar bis jetzt eher ein Tabuthema war, öffentlich zu machen, nämlich die Qualität der Predigt und des Gottesdienstes. Diese Provokation ist sein Verdienst. Dass es ihm gelungen ist, auch schlüssige Antworten auf die gestellten Fragen zu finden, wage ich zu bezweifeln.

 

Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, 160 Seiten, Kösel-Verlag, CHF 24.90

 

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