Kaleidoskop der Religionen: Semana Santa in Sevilla

Publiziert von Chatrina Gaudenz am 16. März 2016 15:01:13 MEZ

In vielen katholischen Gebieten kommt dem Zelebrieren der Karwoche grosse Bedeutung zu, so auch in Spanien und besonders in Andalusien; doch nirgends finden die Feierlichkeiten in einem vergleichbaren Ausmass statt wie in Sevilla. Zwischen Palmsonntag und Ostersonntag werden dort fast rund um die Uhr insgesamt 60 Prozessionen durchgeführt, wobei jede von ihnen bis zu 2000 Beteiligte aufweist und bis zu 12 Stunden dauert. Während der ganzen Woche ist die Stadt im Ausnahmezustand; oft gibt  es vor lauter Menschenmassen, die durch die Strassen strömen, um den Prozessionen beizuwohnen, kein Durchkommen mehr, und das alltägliche Leben kommt vollständig zum Erliegen.

Jede Prozession führt zwei Altäre mit sich; auf dem ersten befindet sich ein Bildnis Christi, auf dem zweiten ein Bildnis der Jungfrau Maria. Diese Bilder, deren Verehrung den zentralsten Inhalt der Semana Santa darstellt, werden begleitet von unzähligen Büssern in ihrer typischen, aus Spitzhut und Gesichtsmaske bestehenden Verkleidung.

Semana Santa_Mirjam Läubli Ein Sänger besingt den Cristo de las Misericordias. Foto: Mirjam Läubli

Die Prozessionen gestalten sich multimedial und interaktiv: Die Zuschauer, welche den Weg säumen, greifen auf vielfache Weise ins Geschehen ein. Sei es, dass sie beim Anblick einer Marien- oder Jesusstatue in Tränen oder Jubel ausbrechen, sei es, dass sie von Fenstern und Balkonen aus Blumen auf die verehrte Figur herabregnen lassen oder aber ihr einen Gesang darbringen. Diesen Gesängen kommt eine grosse Bedeutung zu: Sie richten sich in direkter Rede an die Figur und suggerieren eine Gesprächssituation. Der Gesang dient somit einer Animationsstrategie, indem er die Figur als ansprechbares, lebendiges Gegenüber vorführt. Durch die Animation der Figuren wird das Leiden derselben in vielfache Bezüge gesetzt zu demjenigen der Büsser, der Sänger und der Zuschauer.

Die Prozessionen sind nicht bloss Ausdruck einer religiösen Praxis; sie sind Aufführungen, welche eine Reaktualisierung der Passionsgeschichte vollziehen. Sie sind zudem ein Exzess der Sinnlichkeit: Der Kult ums Leiden ist zugleich ein Kult der Ästhetik, das Inszenieren des Schmerzes ist ein Inszenieren der Schönheit. Visuelle, auditive, taktile und olfaktorische Eindrücke prägen die heiligste aller Wochen, die gerade aus der Überlagerung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen ihre Wirkkraft bezieht.

Mirjam Läubli

[Foto: Ein Sänger besingt den Cristo de las Misericordias. Aufnahme: Mirjam Läubli]

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