Katakombenpakt: Ein Bischof unter Polizeischutz

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 13. November 2015 12:49:52 MEZ

Wer das Evangelium leben und in seinem Kontext umsetzen will, lebt zuweilen lebensgefährlich. Was Bischof Erwin Kräutler erlebt, berichtete er gestern in Rom beim Kongress zum Katakombenpakt. Von Xaver Pfister, Rom

Bischof Erwin Kräutler (Foto: Adveniat) Bischof Erwin Kräutler (Foto: Adveniat)

Erwin Kräutler, seit 1981 Bischof von Xingu, Brasilien, sprach am Abend des zweiten Tages der Versammlung. Seine Erfahrungen als Anwalt der noch immer Rechtlosen und Ausgebeuteten, insbesondere der Bauern ohne Land und der Indios, lieferten die Folie, auf deren Hintergrund er zur Enzyklika „laudato si“ sprach. In seinem Kampf gegen den Riesenbau des Kraftwerkes Belamonte nahm er pointiert Stellung für Gerechtigkeit, das heisst gegen Ausbeutung und Plünderungen der Menschen und ihrer Mit-Welt. 50 000 Menschen mussten in Altamira umgesiedelt werden, weil ihre Wohnquartiere von den Wassern des aufgestauten Flusses überflutet wurden. Sein Engagement führte zu einer Morddrohung gegen ihn. Seit neun Jahren lebt er nun unter Polizeischutz.
Dieser engagierte Christ und Bischof stellte die Grundaussagen der Enzyklika vor, die gezielt im Blick auf den Pariser Klimagipfel, veröffentlicht wurde. Das Schreiben redet von einer humanen Ökologie. Der Mensch steht nicht der Natur gegen über, er ist selber Teil der Natur. Und so ist jede Verstümmelung der Natur auch Selbstverstümmelung des Menschen. Das ökologische Anliegen wird eng mit der sozialen Gerechtigkeit verknüpft. Ökologische Postulate ohne Rückbindung an die soziale Gerechtigkeit sind obsolet. Die ökologische Krise macht eine ethische und spirituelle Krise der Gesellschaft sichtbar. Überleben ist nur möglich, wenn die Gesellschaft eine Umkehr zu fundamentalen Grundhaltungen vollzieht.
Am Morgen hat der Schweizer Befreiungstheologe Urs Eigenmann brisante Thesen zum Thema „das Konzil, das Reich Gottes und die Kirche der Armen“ vorgetragen. Eigenmann, der sich Zeit Lebens mit Dom Helder Camara beschäftigte, zeichnete die Geschichte des Konzil aus der Perspektive dieses wohl bedeutendsten und einflussreichsten Konzilsvaters. Das Konzil wurde von Papst Johannes XXIII als pastorales und nicht als dogmatisierendes konzipiert. Eine neu akzentuierte Praxis der Kirche sollte angestossen werden. Barmherzigkeit und nicht Verurteilung und Ausschluss sollten im Zentrum stehen. Der Papst wollte den imperialen Staub aus der Kirche wegwischen.
Die Versammlung will – die zwei Referate dieses Tages machen es deutlich – keine nostalgischen Erinnerungen aufkommen lassen. Es geht vielmehr darum, sich zu erinnern, um einen sinnvollen Umgang mit der Gegenwart und mutige Wege in die Zukunft einer lebendigen Kirche zu entwickeln.

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