Katakombenpakt: Drama der jüngsten Kirchengeschichte

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 13. November 2015 12:30:19 MEZ

Seit Mittwoch tagt in Rom ein Kongress zur Verlebendigung des Katakombenpakts vor 50 Jahren. Kirchenkritische und kirchenmüde Christinnen und Christen hoffen, dass neue Hoffnung von diesem Kongress ausgehen kann. aufbruch-Vorstandsmitglied Xaver Pfister berichtet täglich aus Rom.

Basilika in der Domitilla-Katakombe: Hier schmiedeten 40 Bischöfe den Katakombenpakt (Foto: Radio Vatikan) Basilika in der Domitilla-Katakombe: Hier schmiedeten 40 Bischöfe den Pakt (Foto: Radio Vatikan)

Worum geht es? Am 16. November 1965 – drei Wochen vor dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils – trafen sich in den Domitilla-Katakomben außerhalb Roms 40 Bischöfe der ganzen Welt. Sie griffen ein Leitwort auf, das Johannes XXIII. einige Jahre vorher ausgegeben hatte. Johannes hatte das Leitwort von einer “Kirche der Armen” in seiner Rundfunkansprache vier Wochen vor der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils am 11. Sept. 1962 ausgegeben. Er meinte damit keine Sonderkirche, die im Gegensatz zu einer anderen Kirche oder zu einer anderen Gruppierung in der Kirche steht – etwa die Armen gegen die Reichen oder die Laien gegen die Priester. Sondern er wollte darauf aufmerksam machen, dass die Armen die Kirche überhaupt repräsentierten. Sie sind die Mehrheit des Volkes Gottes in der heutigen Welt. Mehrfach hat er auch Kardinal Lercaro, der damals als roter Bischof diffamiert wurde, aufgefordert, zu diesem Thema im Konzil zu sprechen.
Bischöfe legten Gelübde für ein einfaches Leben ab. Die 40 Bischöfe des 16. November griffen dieses Motto auf. Aber sie leisteten dazu noch etwas Eigenes: sie legten ein Gelübde ab. Sie versprachen, dass sie nach ihrer Rückkehr vom Konzil, das am 8. Dezember 1965 zu Ende ging, etwas Grundsätzliches in ihrem Leben und bei ihrer kirchlichen Tätigkeit ändern wollten. Sie versprachen, ein einfaches Leben zu führen und den Machtinsignien zu entsagen, sowie einen Pakt mit den Armen zu schliessen – die Option für die Armen. Sie bedeutet, die Welt mit den Augen der arm gehaltenen bzw. arm gemachten Bevölkerung zu sehen und dementsprechend handeln zu wollen. Die Bischöfe machten sich zu ihrem Sprachrohr. Treibende Kraft unter ihnen war Dom Helder Camara, Erzbischof von Recife/Brasilien.
Die Gruppe war richtungsweisend. Sie hat die Prinzipien des Konzils erstmalig in der Praxis ausgeführt, nämlich das Prinzip einer Durchdringung von Dogma und Pastoral. Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit dieser Gruppe war die Entstehung der Basisgemeinden und einer Theologie der Befreiung. Im Wortlaut heisst es im Pakt: „Als Bischöfe, die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben; die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen; die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden … nehmen wir in Demut und der eigenen Schwachheit bewusst, aber auch mit aller Entschiedenheit und all der Kraft, die Gottes Gnade uns zukommen lassen will, die folgenden Verpflichtungen auf uns:
1. Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt …2.Wir verzichten ein für alle Mal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall – weder Gold noch Silber – gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen…. 3. Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen; und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen oder caritativen Werke überschreiben….5.Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden (Eminenz, Exzellenz, Monsignore…). Stattdessen wollen wir als “Padre” angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium entspricht. 6.Wir werden in unserem Verhalten und in unseren gesellschaftlichen Beziehungen jeden Eindruck vermeiden, der den Anschein erwecken könnte, wir würden Reiche und Mächtige privilegiert, vorrangig oder bevorzugt behandeln (z.B. bei Gottesdiensten und bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, als Gäste oder Gastgeber)….9.Im Bewusstsein der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Liebe sowie ihres Zusammenhangs werden wir daran gehen, die Werke der “Wohltätigkeit” in soziale Werke umzuwandeln, die sich auf Gerechtigkeit und Liebe gründen und alle Frauen und Männer gleichermaßen im Blick haben. Damit wollen wir den zuständigen staatlichen Stellen einen bescheidenen Dienst erweisen.…12.In pastoraler Liebe verpflichten wir uns, das Leben mit unseren Geschwistern in Christus zu teilen, mit allen Priestern, Ordensleuten und Laien, damit unser Amt ein wirklicher Dienst werde. In diesem Sinne werden wir gemeinsam mit ihnen “unser Leben ständig kritisch prüfen”; … sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen, so dass wir vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, statt Chefs nach Art dieser Welt zu sein und uns darum mühen, menschlich präsent, offen und zugänglich zu werden“.
Fünfzig Jahre sind inzwischen den Tiber hinuntergeflossen und noch immer bleibt dieser Pakt eine Vision und ist immer noch nicht zur konkreten kirchlichen Alltagspraxis geworden. Der von Basisbewegungen getragene Kongess, sucht nach Wegen, die Zumutungen des Paktes neu ernst zu nehmen.

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