«Es wird wieder Krieg geben»

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 30. Oktober 2015 17:03:02 MEZ

von Renate Metzger-Breitenfellner

Mitte September feierte die israelische Bevölkerung in Jerusalem den Beginn des neuen Jahres. Damit begannen auch die Unruhen auf dem Tempelberg, in der Al-Aqsa-Moschee, und in der Altstadt. „Es wird Krieg geben“, prophezeite der Palästinenser Abu Hassan. Ein Augenschein in Jerusalem kurz vor Ausbruch der jüngsten Unruhen (Fotos: Luisa Grünenfelder) Mitte September feierte die israelische Bevölkerung in Jerusalem den Beginn des neuen Jahres. Damit begannen auch die Unruhen auf dem Tempelberg, in der Al-Aqsa-Moschee, und in der Altstadt. „Es wird Krieg geben“, prophezeite der Palästinenser Abu Hassan. Ein Augenschein in Jerusalem kurz vor Ausbruch der jüngsten Unruhen (Fotos: Luisa Grünenfelder)

Mitte September begann in Jerusalem der Ausnahmezustand: BesucherInnen erlebten eine wunderschöne Stadt voller religiöser Symbole, die Altstadt bevölkert von Pilgern aus aller Welt – und dazu jede Menge Polizei und Militär mit schusssicheren Westen, vielfach die Maschinengewehre nicht über der Schulter, sondern griffbereit, die Hand an der Waffe. Und täglich Demonstrationen, Unruhen, Blendgranaten und Schüsse. Das jüdische Neujahr bescherte der Stadt wenig Gutes, es gab Verletzte auf beiden Seiten – und völlig unterschiedliche Meldungen über das, was wirklich geschehen war.

Eine Mauer, die Land frisst
Das Old Jerusalem Hotel bietet Alternative Touren durch Jerusalem an. Darunter auch die so genannte politische Tour, einen Rundgang mit Abu Hassan unter dem Titel „Wie die Mauer das Leben der PalästinenserInnen beeinflusst“. Die Führung beinhaltet eine Fahrt zu den jüdischen Siedlungen rund um Jerusalem und dauert bis zu vier Stunden. Es ist eine Tour, die aufzeigt, unter welchen Bedingungen die Menschen hier leben. Und welchen Schikanen die palästinensische Bevölkerung Tag für Tag ausgesetzt ist. Abu Hassan, zeigt auf die schwarzen Wassertanks auf den Häusern, in denen die Menschen das Wasser speichern, weil es rationiert wird. Und auf die unselige Mauer, die immer mehr palästinensisches Land frisst, wie Abu Hassan sagt. „80 Prozent der Mauer trennen mittlerweile palästinensisches Gebiet von palästinensischem Gebiet. Wen also will Israel damit schützen?“ Für PalästinenserInnen ist sie nicht Schutz, sondern Hindernis.

Die Mauer, die Land frisst: Im Bild ein Abschnitt in Bethlehem Die Mauer bei  Bethlehem

So zum Beispiel für jene Frau in Ostjerusalem, die Haus an Haus mit ihrer Mutter wohnte – und jetzt von dieser durch die Mauer getrennt ist. So kann sie sich zwar mit ihrer Mutter von Balkon zu Balkon unterhalten, für einen Besuch aber muss sie zwei Stunden Weg einrechnen. Und dazu Wartezeiten am Checkpoint in Kauf nehmen.

Keine Müllabfuhr
Die Geschichten, die Abu Hassan erzählt, sind eindrücklich – und schwer verdaulich. Es sind Geschichten von Vertreibung und Demütigung, von Baugesuchen, die auch nach 20 Jahren noch nicht beantwortet sind, von Schikanen israelischer Militärs an den Checkpoints und vom ganz normalen täglichen Wahnsinn dieses Zusammenlebens. Die Tour führt durch die Siedlung Pisgat Ze’ev, entstanden in den 80er-Jahren und heute eine der grössten israelischen Kolonien im arabischen Ostjerusalem mit etwa 50’000 SiedlerInnen. „Hier haben sie alles”, sagt Abu Hassan. „Schöne Häuser, wunderbare Geschäfte, saubere Strassen und Spielplätze, öffentliche Schwimmbäder, eine funktionierende Müllabfuhr. Und wir haben nichts.“ Früher habe er mit seiner Mutter täglich hier, wo jetzt die Siedlung steht, auf dem Markt frisches Gemüse eingekauft, erzählt Abu Hassan. Heute bleibt er im Auto sitzen – aus Angst, von radikalen Siedlern angegriffen zu werden. „Jetzt ist eine gefährliche Zeit“.
Unmittelbar hinter der Mauer liegt das palästinensische Flüchtlingscamp Shu’fat: etwa 40’000 Menschen leben hier, drei Kilometer vom Stadtzentrum Jerusalems entfernt, auf einer Fläche von einem Quadratkilometer, ein einziger Checkpoint dient als Durchgang – von Jerusalem nach Jerusalem. Die Menschen hausen in schlecht isolierten Wohnungen, frieren im Winter und schwitzen im Sommer, und überall liegt Müll, weil das Abfallproblem hier nicht gelöst wird. Isreal will es nicht lösen, die PalästinenserInnen können nicht. „Wenn eure Kinder hier aufwachsen müssten, wären sie auch frustriert, aggressiv, kriminell“, sagt Abu Hassan. Was es besonders schlimm macht: Die palästinensischen Menschen leben in einer Art Gefängnis – mit freier Sicht auf die jüdische Siedlung, aufs unerreichbare „Paradies“.

Im Gefängnis die Kindheit verloren
Abu Hassan, gerade 50 Jahre alt geworden, studierte einst Politikwissenschaften an der Universität Birzeit, brach dann sein Studium ab, um Geld zu verdienen. Er heiratete eine Deutsche, suchte vergeblich um die Genehmigung an, ein Reisebüro eröffnen zu dürfen, gründete die Firma Alternative Tours und arbeitet als Journalist und Reiseführer. Abu Hassan ist Vater von vier Töchtern, ein „ehemaliger PLO-Terrorist“, wie er selbst erzählt.
Im Alter von 13 Jahren wurde Abu Hassan das erste Mal inhaftiert. Einen Stein habe er geworfen, lautete die Anklage, sechs Monate Gefängnis betrug die Strafe. „Den Stein habe ich nicht geworfen, damals, das schwöre ich“, sagt Abu Hassan. Aber als er aus dem Gefängnis kam, war er kein Kind mehr, sondern traumatisiert und voller Hass. Er beteiligte sich an Angriffen gegen israelische Soldaten, schloss sich drei Jahre später, nachdem sein Bruder Hassan von Siedlern getötet worden war, der PLO an, wurde verhaftet und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Nach vier Jahren kam er frei, wurde aber zwei Jahre später als Mitglied einer Studentenorganisation erneut verhaftet und zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Eine schwierige Zeit, in der er alle sechs Monate das Gefängnis wechseln musste und wiederholt gefoltert wurde. Während des Oslo Prozesses kam er durch einen Gefangenenaustausch frei.
Abu Hassan beteiligt sich nicht mehr an Attacken gegen Soldaten – aber den Widerstand gegen die Besatzer und ihr Regime, gegen Unterdrückung und Schikanen hat er nicht aufgegeben. Seine geführten Touren geben ihm die Möglichkeit, Touristinnen und Touristen vom schwierigen Leben unter israelischer Besatzung zu berichten. „Keine einfache Arbeit, aber eine sehr wichtige“, sagt er. Und ermahnt die Tourteilnehmenden, nach ihrer Rückkehr in die Heimat davon zu erzählen. „Das ist eure Pflicht. Der Westen muss sich endlich um uns kümmern. Das ist der einzige Weg, um zu einer friedlichen Lösung zu kommen.“

Ein Vorfall, zwei Berichte …

Mitte September feierte die israelische Bevölkerung in Jerusalem den Beginn des neuen Jahres. Damit begannen auch die Unruhen auf dem Tempelberg, in der Al-Aqsa-Moschee, und in der Altstadt. „Es wird Krieg geben“, prophezeite der Palästinenser Abu Hassan. Ein Augenschein in Jerusalem kurz vor Ausbruch der jüngsten Unruhen (Fotos: Luisa Grünenfelder)Von dieser friedlichen Lösung sind Palästina und Israel derzeit meilenweit entfernt. Täglich berichten die Medien von Messerattacken und erschossenen Palästinenserinnen. So auch am 22. September: Die 18-jährige palästinensische Studentin Hadeel al-Hashlamun versuchte, an einem offiziellen Checkpoint vom palästinensisch kontrollierten Teil Hebrons ins israelisch kontrollierte Gebiet zu gelangen. Dort wurde die mit einem Niqab bedeckte junge Frau von einem israelischen Soldaten gestoppt. Wenig später war sie tot.

Darüber, was wirklich geschehen war, gibt es zwei völlig unterschiedliche Versionen: Das israelische Militär behauptet, die Palästinenserin habe ein Messer gezogen und versucht, einen Soldaten zu erstechen. Die Studentin sei trotz mehrfacher Aufforderung nicht stillgestanden. Mehrere Soldaten hätten darum geschossen. Zuerst in den Boden, dann auf die Beine der Frau, in ihren Bauch.
Doch ein europäischer Beobachter, der die Szene mitangesehen hat, schildert etwas völlig anderes: Hadeel al-Hashlamun hätte lediglich ihre Tasche geöffnet, damit diese durchsucht werden könne. Und: Sie habe die hebräische Aufforderung des Soldaten nicht verstanden. «Sie stand völlig still, als vor ihr in den Boden geschossen wurde. Sie stand unter Schock. Ich habe den Soldaten noch zugerufen, dass sie kein Hebräisch verstehe.»
Für Abu Hassan gehören solch unterschiedlichen Darstellungen zum Alltag. Uns zeigen sie, dass Medienberichte allzu oft nur eine Seite der Wahrheit wiedergeben. Um beim Beispiel Hadeel al-Hashlamun zu bleiben: Für die israelische Regierung ist sie eine weitere palästinensische Terroristin, für die PalästinenserInnen eine Unschuldige, die kaltblütig, grausam und grundlos ermordet worden ist. Eine Märtyrerin. Eine junge Frau, deren Geschichte nur deshalb an die Öffentlichkeit gelangte, weil ein europäischer Beobachter zufällig am Checkpoint war, als sie erschossen wurde. Abu Hassan kennt viele solcher Geschichten. Auf seinen Touren erzählt er sie immer und immer wieder. Weil er hofft, dass er damit etwas bewirken kann. Weil er sich wünscht, dass sich seine Aussage, „es wird Krieg geben, weil wir so nicht weiterleben können“, doch nicht erfüllt.

Kommentar

Einseitige Sicht

Die Geschichte von Abu Hassan ist die Geschichte eines Palästinensers. Sie zeigt eine Seite des Konfliktes im Nahen Osten: die palästinensische. Natürlich gibt es eine andere Sicht: diejenige der Besatzer, der Israelis. Sie wird in vielen Medienberichten über den aktuellen Konflikt als Faktum dargestellt, während irgendwo in einem Nebensatz zu lesen ist, dass palästinensische Medien das Geschehen ganz anders dargestellt hätten. Einseitig eben.
Seit vielen Jahren verfolge ich die Debatte um den Nahost-Konflikt. Immer redlich bemüht, beide Seiten zu sehen, mir ein ausgewogenes Urteil zu bilden. Zwei Wochen in Jerusalem und den besetzten Gebieten haben meine Optik verändert, den Blick geschärft für die Verzweiflung derjenigen, die unter der Besatzung leben, sich mit den Besatzern arrangieren müssen. Für Menschen, die gedemütigt und erniedrigt werden. Immer und immer wieder.

Es gibt auch in Israel Menschen, die diese Sicht teilen: Das jüdische Schweizer Wochenmagazin «Tachles» publiziert auf seiner Website einen Kommentar von Nehemia Shtrasler, Wirtschaftsredaktor und Kolumnist bei der israelischen Tageszeitung «Haaretz» zur aktuellen Lage im Nahen Osten. «Wenn Wohnbauminister Uri Ariel und seine verrückten Genossen provokativ auf den Tempelberg gehen, um das letzte bisschen Stabilität, das noch bleibt, in die Luft zu jagen, so ist das Aufhetzung. Die Ansiedlung von 15 (!) messianischen Organisationen in der Altstadt, die sich mit der praktischen Seite von Tieropfern im Tempel befassen, der <bald, in unseren Tagen> auf den Ruinen der Al-Aqsa-Moschee erbaut werden soll – das ist Aufhetzung. Die Aktivitäten der rechtsextremen religiösen Organisation Ateret Cohanim, die das Leben der Bewohner des muslimischen Quartiers noch elender machen, und die Finanzierung von Dutzenden von Familien, die sich im Zentrum des Quartiers niedergelassen haben – das ist Aufhetzung. Das Errichten geschützter Bauten ultrafanatischer Juden mitten in den arabischen Quartieren im Osten der Stadt – das ist Aufhetzung. Juden demütigen und verfolgen täglich Väter und Mütter von Kindern, die in kompletter Verzweiflung und erbärmlichen Verhältnissen leben – das ist Aufhetzung. »
Die Tatsache, dass es sich bei den jüngsten Ereignissen nicht um einen organisierten Aufstand handle, sondern um indivi¬duelle Angreifer, beweise die Intensität der Verzweiflung, in der diese Menschen leben – und sterben, sagt Nehemia Shtrasler. Netanyahu aber spreche von «Hetze» und habe sich darauf spezialisiert, den «Konflikt zu verwalten». «Das ist ein Codename für das Sabotieren jeglicher Hoffnung und jeden Versuchs, Verhandlungen mit Mahmoud Abbas zu führen.»                                                                               Renate Metzger-Breitenfellner

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