Prädikat unchristlich

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 13. August 2015 11:23:37 MESZ

Foto: livenet.ch Foto: livenet.ch

Bischof Vitus Huonders Äusserungen zum Umgang mit Homosexuellen sind unchristlich und menschenverachtend. Doch seine Absetzung erscheint unwahrscheinlich.

Von Christian Urech

«Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben.» Am Kongress «Freude am Glauben» im deutschen Fulda zitierte Vitus Huonder freimütig aus dem Levitikus, dem 3. Buch Mose. Das Zitat, so der Churer Bischof, reiche, um «der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben.» Die drastischen Worte des Geistlichen hallten nach. Nicht nur innerhalb der Kongressmauern, wo sie freundlichen Beifall erhielten. Sondern vor allem ausserhalb: Die schwulenfeindlichen Aussagen des Churer Bischofs lösten einen Sturm der Empörung aus. Auch und gerade unter gläubigen Katholiken. Huonder ist inzwischen zurückgekrebst: Seine Aussagen seien fälschlicherweise als Herabsetzung homosexueller Menschen verstanden worden: «Es war nicht so gemeint», fügte der Bischof hinzu.

Wie er es denn gemeint hat, vermag – oder will – Huonder freilich nicht erklären. Das zeigte sich anlässlich eines Interviews mit TeleZüri vom vergangenen Montag, wo der Kirchenmann vor allem eins sagte: nämlich, dass er nichts sage. Und mit verbissener Miene gleich mehrmals auf eine in Aussicht gestellte Medienmitteilung verwies.

Unchristlich und menschenrechtswidrig

Das Interview war zwar nichtssagend, aber dennoch aufschlussreich: Huonder wirkte verkrampft, ängstlich und defensiv – wie ein Politiker in Verteidigungsposition, der als strammer Parteisoldat seine Parteidoktrin vertritt.

Die Mehrheitsmeinung seiner Kirchenbasis vertritt er damit freilich nicht. Nur eine kleine Minderheit der Katholiken in der Schweiz unterstützen seine Aussagen – das hat sich in den Diskussionen zur anstehenden Familiensynode gezeigt.

Huonder erweist mit seiner menschenverachtenden Haltung gegenüber Homosexuellen aber nicht nur seiner Kirche einen Bärendienst – sie ist auch zutiefst unchristlich. Das Credo des Christentums ist die Nächstenliebe, wie es der Alttestamentler Othmar Keel, ehemaliger Professor an der Universität Freiburg, ausdrückt: «Alle Gebote lassen sich letztlich auf ein Gebot reduzieren: das der Nächstenliebe.»

Huonder aber hält sich an eine wortgetreue Bibelauslegung, die jeden historischen Zusammenhang verleugnet, wie es sonst nur ganz hartgesottene Fundamentalisten tun. Wenn er damit zeigen will, dass er sich dem Zeitgeist verweigert, kommt er mir so vor wie einer, der für die Wiedereinführung der Sklaverei plädiert, weil die Sklaverei früher mal gang und gäbe war und sowohl juristisch wie auch ethisch-religiös legitimiert wurde. Dass eine solche Haltung dem, was Jesus gepredigt und gelebt hat, diametral widerspricht, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Die Haltung Huonders ist aber nicht nur unchristlich, sondern auch menschenrechtswidrig. Mit seinen Äusserungen gegen Schwule und Lesben stellt sich Vitus Huonder in eine Reihe mit iranischen Mullahs, islamistischen Fundamentalisten, Vladimir Putin und dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni. Auf der Liste jener Länder, in denen Homosexualität tatsächlich mit dem Tod bestraft wird, finden wir Nigeria, den Sudan, den Iran, Jemen und Saudi-Arabien.

Es ist für Vitus Huonder zu hoffen, dass er sich nicht tatsächlich die Todesstrafe für Schwule und Lesben wünscht. Auch wenn sie wahrscheinlich juristisch keine Chance hat, ist es nachvollziehbar, dass der Schwulendachverband Pink Cross Strafanzeige gegen Huonder eingereicht hat wegen öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen. Zur Begründung der Anzeige schreibt Pink Cross : «Ja, für uns sind Meinungs- und Religionsfreiheit ein hohes Gut. Jeder Mensch darf seine Meinung haben und auch äussern. Nicht geschützt ist jedoch eine Meinung, die zu Hass und Verbrechen auffordert. Nein, das Zitieren von zwei Bibelzitaten aus einer Gesetzesordnung aus dem Alten Testament zur Legitimation von Aufrufen zu Hass und Verbrechen – bar jeder Exegese (Auslegung) und jeglichen Zusammenhangs mit der Lehre Christi – sondern im wortwörtlichen Sinn, ist für uns nicht hinnehmbar. Es sät Hass. Wir dulden keinen Hass, keine Aufrufe zu Verbrechen und keine Gewalt an homosexuellen Menschen und anderen sogenannten Minderheiten. Nicht alle Kirchen sind homophob und die meisten Kirchenvertreter und -mitglieder schon gar nicht. Unsere Strafanzeige richtet sich direkt gegen den Bischof von Chur.»

Der aufbruch wurde vor mehr als 25 Jahren als Reaktion auf die reaktionäre Haltung des damaligen Churer Bischofs Wolfgang Haas gegründet. Nun sitzt wieder ein erzkonservativer Bischof im Churer Schloss. Wir vom aufbruch sind der Meinung, dass es immer noch eine kräftige Stimme braucht, die gegen fundamentalistische, menschenverachtende Tendenzen in Kirchen, in Religionen, in der Politik und in der Gesellschaft Gegensteuer gibt. Auch wenn der Papst Bischof Huonder - er ist 73 und muss mit 75 ohnehin seinen Rücktritt anbieten - vermutlich aussitzen wird, wäre es jetzt das richtige Signal, den Mann in Chur abzuberufen.

Themen: News

aufbruch Blog

Der aufbruch interessiert sich für das, was an den Rändern der Konfessionen und Religionen aufbricht, und macht sich stark für eine gelebte Ökumene. Er engagiert sich in der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Religionen und ist gesellschaftskritisch präsent, wo es um christliche Werte geht.Der aufbruch deckt 6-mal im Jahr ein breites Themenspektrum aus Religion und Gesellschaft ab.

Für den eNewsletter anmelden

Aktuelle Ausgabe:

Auf-239_001

239: Vom guten Leben und dem vibrierenden Draht zur Welt

Ansichtsexemplar bestellen


 

 

 

Neuste Beiträge

Beiträge nach Themen

alle ansehen