Martin Werlens Provokationen und Prophetien

Publiziert von Martina Läubli am 18. März 2015 10:16:18 MEZ

Der frühere Abt des Klosters Einsiedeln, Martin Werlen, hat ein inspirierendes Buch geschrieben. Darin geht es nicht um Argumente, sondern um Zufälle und lebendige Spiritualität.

Von Xaver Pfister

AUF_41_2Propheten sind Menschen, die offen über die Schwächen und die Sünden des Volkes reden und so zur Umkehr aufrufen. In diesem Sinne ist Martin Werlen ein Prophet. Genau im Hinschauen, lebendig im Deuten dessen, was er sieht, offen für Begegnungen und begeistert von Papst Franziskus und seiner Theologie der Barmherzigkeit. Das Buch ist im Sabbathalbjahr entstanden, das Abt Urban Werlen gewährte, um vom Dienst des Abts wieder in die Rolle eines Mönchs unter anderen Mönchen zu finden. „Für Menschen in der Kirche sind diese Zeilen geschrieben, nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern als erzählendes Unterwegssein im Vertrauen auf Gottes Gegenwart… Ich nehme einige der mir zugespielten Bälle auf und spiele sie weiter. Der Text ist rein zufällig entstanden.“

Zufall ist ein erstes Schlüsselwort des gut lesbaren Buches. Gott begegnet uns in den Zu-Fällen des alltäglichen Lebens. Zufällig ist jedes Reden von Gott, weil es den Zu-Fall Gottes zur Sprache bringt. Gnade ist für viele ein leeres Wort. Doch verstanden als Zu-Fall erschliesst sich, was das Gnade meint, jeder und jedem. In der Wegweisung schreibt der Autor: „Vor allem soll dieses Buch aber enttäuschen. Denn eine Ent-Täuschung gibt es nur dort, wo man in einer Täuschung gelebt hat. Täuschungen sind die grössten Hindernisse auf unserem Weg. Sie versperren uns oft den Blick auf das Wesentliche.“

Es geht hier nicht um Klarheit und Einordnung, schliesslich ist das Paradox ist eine wichtige Denkform in der Theologie. Die Versuchung jeder Begriffsbildung, die Klarheit und Ordnung schaffen will, stellt Martin Werlen radikal in Frage: „Alles klar? Hoffentlich nicht, Denn immer dann, wenn alles klar ist oder wir alles im Griff haben, sind wir nicht mehr auf dem Weg. Darum wird hier erzählt, was wir als glaubende Menschen leider immer wieder vergessen: Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.“

Da werden einige Kardinäle und Bischöfe zusammenzucken, den Kopf schütteln und den Mahnfinger aus ihrem Köcher herausziehen. Der Finger, der Strafe androht und zur am meisten gebrauchten Geste für einige wird. Aber nicht nur die da oben, sondern auch wir, die da unten, erliegen zuweilen dieser Versuchung. Der Laie, der alles weiss und sich als wahren Gläubigen versteht, ist allüberall anzutreffen. Diese Einsicht schickt Werlen auf die Reise. Er besucht verschiedene Orte, um anderes Leben und Denken zu entdecken, fährt nach Ungarn und nach Jerusalem. Ausführlich berichtet er von den Zu-Fällen auf seiner Reise.

Barmherzigkeit ist ein weiteres Schlüsselwort auf dem Weg, den das Buch beschreibt. Papst Johannes hat im Jahr 2000 einen Sonntag der Barmherzigkeit eingeführt. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit, „rachamim“, ist die Mehrzahl von "rechem", was wörtlich Gebärmutter bedeutet. Solcherart ist Gottes Barmherzigkeit: mütterlich, bergend, ein Ort an dem wir heranwachsen können. Er liebt uns zum Leben! Die Wortwurzel "cham" bedeutet Wärme. Dieses archaische Bild spricht uns tief an der Wurzel unseres Seins an und meint weit mehr als Verzeihung – die wärmende und lebensspendende Mütterlichkeit Gottes. Sie hat heilende Kraft.

In den Pfarreien aber wird der Sonntag der Barmherzigkeit kaum gefeiert. Barmherzigkeit ist aber auch ein Schlüsselwort in den Ansprachen und Symbolhandlungen des Papstes, der sich programmatisch der Verkündigung der Barmherzigkeit annimmt. Franziskus ist gleichsam das dritte Schlüsselwort des ehemaligen Abtes von Einsiedeln. Er ist der am häufigsten zitierte Autor. Deutlich wird, wie sehr Martin Werlen diesen Papst verehrt und seine Anliegen weiterträgt.

So ist zu verstehen, dass Werlens Buch nicht aus Kapiteln besteht, in denen eine These argumentativ entwickelt wird. Statt Kapitelüberschriften stehen über den Texten römische Zahlen. Hundert Impressionen, Prophetien und Provokationen legt er uns vor. Manfred Lütz, der 2014 das Buch „Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche“ vorgelegt hat, schreibt über Werlens Buch: „Seine lebendige Spiritualität macht auch ganz weltlichen Menschen den Glauben berührbar. Martin Werlen ist ein kraftvoller ,oft provozierender Christ, der mit seinen Einsichten die Welt begeistern kann. Die Glut unter der Asche wird wieder spürbar.“ Gibt es eine bessere Würdigung des Buches als diese? Lesen Sie selbst. Es lohnt sich.

Martin Werlen: Heute im Blick. Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht. Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2015, 3. Auflage. CHF ca. 19.50.

Themen: News

aufbruch Blog

Der aufbruch interessiert sich für das, was an den Rändern der Konfessionen und Religionen aufbricht, und macht sich stark für eine gelebte Ökumene. Er engagiert sich in der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Religionen und ist gesellschaftskritisch präsent, wo es um christliche Werte geht.Der aufbruch deckt 6-mal im Jahr ein breites Themenspektrum aus Religion und Gesellschaft ab.

Für den eNewsletter anmelden

Aktuelle Ausgabe:

cover 238
238: Mauer-Magie – Im Schatten der Abschottung.

Ansichtsexemplar bestellen

 

 

 

Neuste Beiträge

Beiträge nach Themen

alle ansehen