Ökumene: Wenn sich Gedanken kreuzen

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 3. Dezember 2014 18:15:58 MEZ

Pfarrer G. Locher Praesident SEKDSC_0098

 

 

 

 

 

 

Ökumene ist keine nachrangige Aufgabe der Kirchen, die jeweils am Ende der Traktandenliste steht. Alle Kirchen sind von Jesus Christus gerufen, im lebendigen Kontakt mit den andern Kirchen zu leben. Dies eine der zentralen Aussagen am ökumenischen Gipfeltreffen zwischen SEK-Präsident Gottfried Locher und Bischof Felix Gmür kürzlich in Flüh.

Von Xaver Pfister

Am ökumenischen Gipfeltreffen in Flüh, an dem Pfarrer Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und der römisch-katholische Bischof von Basel, Felix Gmür miteinander über die Ökumene nachdachten, war kein Streitgespräch, eher ein gemeinsames nachdenkliches miteinander reden. In einem ersten Teil ging es um ihre ökumenischen Erfahrungen. Unter Leitung des christkatholischen Pfarrers Michael Bangert erzählten beiden, dass sie ganz in ihr eigene Kirche eingebettet aufwuchsen. Der Basler Bischof hatte keine Schulkameraden der anderen Konfession, der Ratspräsident verstand seine Kirche, zu der 70 Prozent der Bernerinnen und Berner gehörten, als die Kirche. Ökumene als Notwendigkeit und Chance entdeckte Locher erst an seiner ersten Stelle im Schweizer Pfarramt in London. Er begegnete der anglikanischen Kirche, in der verschiedene Kirchenbilder mit- und nebeneinander gelebt wurden. Er entdeckte die der katholischen ähnliche Liturgie. Kirche kann also in ganz unterschiedlichen Gestalten gelebt werden. Bischof Gmür begegnete im Einführungskurs zum Feldprediger einer selbstverständlich gelebten Ökumene. Die Pfarrer der verschiedenen Konfessionen erlebten mehr Gemeinsames als Trennendes. Man arbeitete miteinander und nicht nebeneinander.

Die reale Begegnung mit anderen Kirchen veränderte die beiden Gesprächspartner. Das zeigte auch ihre Antwort auf die Frage, was sie denn empfänden, wenn sie an die heutigen ökumenischen Aktivitäten dächten. Sie verbinden sie vor allem mit Sitzungen, Erarbeiten von Dossiers und Papieren. Und das ist ihnen zu wenig lebendig. Sie können Hilfsmittel sein, Ökumene aber ist in ihrem Kern etwas anderes.  Gesprächsleiter Bangert wies an dieser Stelle auf die Nähe zur Aussage des Papstes hin, Christen unterschiedlicher Konfessionen sollten nach den Worten von Papst Franziskus die Ökumene selbstständig voranbringen und nicht auf die Einigung in theologischen Fragen warten. Sie sollten gemeinsam beten und das Verbindende suchen, hatteFranziskus gesagt. Pfarrer Locher hält es für sinnvoll, die Bedeutung des Stundengebetes, wie es in Klöstern geübt wird, neu zu entdecken. Das gemeinsame Beten der Laudes und der Vesper, die Neuentdeckung der kirchlichen Festtage führten weiter als das theologische Gespräch unter Experten, so Locher.

Die Einheit der Kirchen könne nicht von den Kirchen her selber gemacht werden. Sie sei vielmehr Geschenk des Gottes Jesu, der das Zeugnis einer einen Kirche will. Deshalb gehört die Ökumene nicht ins Aussenministerium der Kirchenleitungen, sie ist ein Kerngeschäft. Ohne ökumenische Offenheit ist kein „Kirche- sein“ möglich. In der Taufe, die die grosse Mehrheit der Kirchen in der Schweiz wechselseitig anerkennen, sind die Kirchen miteinander verbunden. Deshalb steht das Gemeinsame vor dem Trennenden, das aber benannt werden muss und nicht verwischt werden soll.

Genau deshalb aber ist von den Kirchen  Konflikt- und Konsensfähigkeit zu erwarten. Das zeige sich in der Frage nach der gemeinsamen Feier des Abendmahls und der eucharistischen Gastfreundschaft. Die protestantischen Kirchen, so Kirchenbundspräsident Locher, sind der Überzeugung, dass jeder Getaufte zum Abendmahl eingeladen ist. Anders die römisch-katholische Kirche, die in der Eucharistie nur die eingeladen sieht, die zur römisch-katholischen Kirche gehören. Diese Spannung gälte es auszuhalten, meinten die beiden Gesprächspartner. Sie anerkannten aber auch, dass das nicht einfach so bleiben dürfe. Die Predigtpraxis der protestantischen Kirche hat Bischof Felix Gmür dazu gebracht, in seinen Predigten den Bibeltext auszulegen. Damit markiert er, dass die Kirche nicht sich selbst, sondern das Evangelium zu verkünden habe.

Beeindruckend war das Gespräch im Blick auf den brüderlichen Umgang der beiden miteinander und in ihrem Zeugnis der Hoffnung, dass die Kirchen ihre Einheit geschenkt bekommen werden. Kirchenbundspräsident Locher meinte: Nur ein Viertel der Dauer der Geschichte der Kirche sei sie eine gespaltene gewesen. In drei Vierteln hätte sie in Einheit gelebt. Und so kann Einheit auch wieder gelebt werden.
Das Gespräch fand übrigens in einer ökumenischen Kirche statt. Vor 40 Jahren wurde in Flüh für die zunehmende Zahl der Protestanten keine protestantische Kirche, sondern eine ökumenische Kirche gebaut. Sie wird von katholischen und protestantischen Christen für Gottesdienste genutzt. Die zwei Kirchgemeinden bleiben bestehen.

Themen: News

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