»Ein Tabu ist gefallen«

Publiziert von Martina Läubli am 26. August 2014 08:01:25 MESZ

Antisemitismus äussert sich in der Schweiz zur Zeit so deutlich wie nie. Doch zwischen Kriegen im Ausland und der jüdischen Religion müsse man unbedingt differenzieren, sagt Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

 von Martina Läubli

Hat der Antisemitismus zugenommen – auch in der Schweiz? Diese Frage stellt sich mit einiger Sorge, wer die Reaktionen auf den Konflikt zwischen Israel und der Hamas in Gaza beobachtet. In Deutschland und Frankreich kursierten im Zuge von Demonstrationen gegen den Gazakrieg unverhohlen hasstriefende Parolen gegen Juden und Jüdinnen, in Paris wurden zwei Synagogen attackiert. Auch in der Schweiz, in Davos, wurde kürzlich ein jüdischer Tourist Opfer eines verbalen und tätlichen Angriffs.

Spiel mit dem Feuer: Wenn der Protest gegen die Politik Israels plötzlich in Antisemitismus kippt. Im Bild: Verbrennung einer israelischen Flagge an einer propalästinensischen Demonstration im Rahmen des Konflikts in Gaza (PD). Spiel mit dem Feuer: Wenn der Protest gegen die Politik Israels plötzlich in Antisemitismus kippt. Im Bild: Verbrennung einer israelischen Flagge an einer propalästinensischen Demonstration im Rahmen des Konflikts in Gaza (PD).

Drohungen im Internet

»Was den Antisemitismus anbetrifft, ist ein Tabu gefallen«, sagt Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG und Anwältin, gegenüber dem aufbruch. Es sei zwar schwierig zu beurteilen, inwiefern die antisemitischen Einstellungen in der Schweiz tatsächlich zugenommen haben. »Sicher ist, dass sie sich seit Anfang Juli viel häufiger und so deutlich ausgedrückt haben wie früher nie, auch nicht zu Zeiten, als es im Nahen Osten Krieg gab.«

Am häufigsten seien antisemitische Attacken in den Social Media. Dem SIG sind mehrere Hundert Drohungen bekannt, krass antisemitische Posts, Bilder und Likes – oft mit Namen und Foto, was zeigt wie salonfähig solches geworden ist. Antisemitische Inhalte finden sich auch auf Blogs, in Briefen, Mails, Tags usw. Doch nicht nur im virtuellen Raum des Internets, wo die Hemmschwelle zu beleidigendem Verhalten geringer ist, auch im Alltag waren Schweizer Juden feindlichen Begegnungen ausgesetzt: »Als Juden erkennbare Personen sind mit antisemitischen Zurufen von Passanten konfrontiert worden, viele haben Angst darüber zu sprechen«, stellt Simkhovitch-Dreyfus fest. »Körperliche Angriffe sind in der Schweiz jedoch glücklicherweise selten geblieben.«

Rassismus verschwindet nicht von allein

Das sind keine gute Nachrichten für ein Land, das sich als gerecht, tolerant und multireligiös versteht. Gibt es Möglichkeiten, den Antisemitismus wirksam zu bekämpfen? Rassismusbekämpfung in der Schweiz sei meist Teil der Integrationsarbeit, erklärt die Vizepräsidentin des SIG. »Es ist irrig zu meinen, dass eine – natürlich zu begrüssende – gelungene Integration auch das Problem der Ausgrenzung und des damit verbundenen Rassismus löst. Gerade wir Juden sind ja seit Generationen hier.« Das Zusammenleben mit »Andersartigen« im weitesten Sinn müsse in der Schweiz vermehrt positiv gelebt und dargestellt werden, findet Simkhovitch-Dreyfus, und das fange schon bei den Kindern an. Insbesondere müsse früh gelehrt werden, wie man auf sozialen Netzwerken miteinander umgeht. »Wenn kulturelle oder religiöse Minderheiten im öffentlichen Diskurs stigmatisiert werden, muss man sich seiner Verantwortung bewusst sein.« Und im Hinblick auf den Antisemitismus gelte ganz besonders: »Vertreter aller Religionen müssen sich dafür einsetzen, dass zwischen politischen Divergenzen und Kriegen im Ausland und der Religion klar getrennt wird.«

Am 22. August hat Herbert Winter, Präsident des SIG, in der Zeitschrift Tachles einen offenen Brief publiziert. Er fordert darin insbesondere die Schweizer Regierung auf, ein klares Zeichen zu setzen und Massnahmen gegen antisemitische Tendenzen zu ergreifen. Winter schreibt: »An alle Menschen in unserem Land, ganz gleich welcher Religion, Ethnie oder Herkunft, ergeht mein Appell: Lasst Rassismus und Antisemitismus, in welcher Form auch immer, nicht zu!«

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