Monika Renz contra Hans Küng: Ist geplante Selbsttötung Christen erlaubt?

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 29. Januar 2014 11:54:03 MEZ

Die Mehrheit der Schweizer ist für Sterbehilfe. Ärzte sollen sie leisten dürfen, wenn ein Patient unheilbar krank ist. Ist eine geplante Selbsttötung aber auch Christen erlaubt? Darüber streiten der Theologe Hans Küng und die Sterbebegleiterin Monika Renz online in einem aktuellen Pro-und-Contra*. Und was denken Sie? Darf ein Christ sich töten? Stimmen Sie hier ab.

Von Hans Küng, Monika Renz


Hans Küng: »Ja, der Mensch hat ein Recht zu sterben«

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»Als Theologe und Christenmensch bin ich der Überzeugung, dass das menschliche Leben letztlich eine Gabe Gottes ist. Aber zugleich ist das Leben nach Gottes Willen auch des Menschen Aufgabe. Es ist in unsere eigene Verfügung gegeben. Dies gilt auch für die letzte Etappe des Lebens, das Sterben. Niemand soll zum Sterben gedrängt, aber auch niemand zum Leben gezwungen werden. Selbstverständlich soll der Mensch die »Grenze seiner endlichen Freiheit achten«, wie Altbischof Wolfgang Huber sagt. Aber die Frage ist ja gerade, welches diese Grenze ist. Die Entscheidung liegt allein beim Betroffenen. Ich empfinde es als Anmaßung, wenn Außenstehende darüber urteilen wollen, wie jemand seinen Zustand subjektiv empfindet.

Oft höre ich den Einwand: Heißt Jesus nachfolgen nicht auch, sein Leiden und Kreuz bis zum Ende auf sich zu nehmen? Dagegen war meine Auffassung schon vor vierzig Jahren im Buch »Christ sein«: Kreuzesnachfolge meint nicht ethische Nachahmung des Lebensweges Jesu. Es geht darum, sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen, sich dem Risiko der eigenen Situation zu stellen. Kreuzesnachfolge und Sterbehilfe schließen sich also nicht aus.

Ich verteidige und plane keinen Selbstmord: Auch am Ende eines Lebens läge Mord nur vor, wenn er aus niedriger Motivation, aus Heimtücke und durch Gewalt gegen den Willen des Betroffenen geschieht. Aber ich nehme meine Verantwortung wahr für mein Sterben zu gegebener Zeit. Eine Verantwortung, die mir niemand abnehmen kann. Gott schenkt mir, so hoffe ich, die Gnade, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Der späteste wäre für mich eine beginnende Demenz. Denn der Mensch hat ein Recht zu sterben, wenn er keine Hoffnung mehr sieht auf humanes Weiterleben. Und er muss ein Recht darauf haben, dass ein anderer ihm beim Sterben hilft, wenn es nötig wird.«


Monika Renz: »Nein, Sterben kreist um Größeres«

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»Macht, Liebe und das Zulassen von Angewiesensein: Das steht beim Thema Sterbehilfe zur Debatte, auch wenn es keiner merkt.

Es geht nicht um den Verzweiflungstod. Es steht außer Frage, dass auch Christen in eine so schlimme Situation kommen können, dass sie sich töten. Wir anderen dürfen dann nicht über sie richten. Die Abschaffung der Strafwürdigkeit des Freitodes ist eine Errungenschaft der Aufklärung, auch für Christen.

Doch beim Anspruch auf Suizidbegleitung haben wir es mit weit mehr zu tun. Menschen setzen sich über das Leiden hinweg, dirigieren unbemerkt das Spitalpersonal, machen Ärzte zu Exekutoren. Sie tätigen geplant einen Akt der Macht und würgen unter dem Deckmantel von Selbstbestimmung die eigene und gesellschaftliche Ohnmacht ab. Hunderttausende Kranke werden entwertet.

Wohlgemerkt: Auch ich will das Leid nicht. Doch wo wir dem Leiden ausweichen, verlieren wir in der Folge all das, was aus dem bejahten Angewiesensein erwächst an Empfänglichkeit, Beziehungsfähigkeit, Kreativität.

Und wir verhalten uns komplett quer zu Jesus! Jesus lebte und wirkte ganz aus der Beziehung zu Gott heraus und bezog von dorther seine Souveränität. Er ließ es zu, angewiesen zu sein. Als Antwort an die damals Mächtigen und ihr Mobbing ging er den Weg der Passion. Nicht masochistisch, sondern im Selbstbewusstsein eines Königs.

Ein Christ, der sich auf Jesus beruft, darf sich nicht geplant über einen Teil des Lebens hinwegsetzen. Er muss es auch nicht. Denn wie mich Sterbende lehren, kreist Sterben um Größeres, geschieht Wesentliches in diesem Prozess. Inmitten von Ohnmacht ist der Mensch außerhalb von Raum und Zeit und darin ›glücklich‹«.

Monika Renz, Theologin, Psychologin und Buchautorin, leitet die Psychoonkologie am Kantonsspital St. Gallen in der Schweiz. Seit vielen Jahren begleitet sie Menschen im Sterbeprozess.
Hans Küng ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie in Tübingen und Ehrenpräsident der Stiftung Weltethos. 2013 trat er EXIT bei, der Vereinigung für humanes Sterben in der Schweiz.

Quelle: www.publik-forum.de

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