Kardinals-Schach

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 16. Januar 2014 22:55:04 MEZ

kardinaele_body.5191361Bei seinem ersten Konsistorium – der Ernennung von neuen Kardinälen – suchte Franziskus zwar keine Frauen aus. Doch der Papst steht wenigstens für eine andere Neuerung: Er verstärkte gezielt das Gewicht der Kirchen der Dritten Welt. Dass auch der in Deutschland als konservativer Hardliner umstrittene Gerhard Ludwig Müller Kardinal wird, hat vatikan-politische Gründe. Franziskus ist ein geschickter Schachspieler.

Von Thomas Seiterich*

Es hat auffällig lange gedauert: Zwanzig Monate nach seiner Ernennung zum zweitmächtigsten Amts-Chef in der römischen Kurie wird Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der vatikanischen Glaubensbehörde, zum Kardinal ernannt. Der ein Meter neunzig große, gelernte Dogmatik-Professor Müller stammt aus dem katholischen Milieu im Bistum Mainz. Sein Vater arbeitete bei Opel in Rüsselsheim am Band. Den Titel »Krawall-Bischof« erwarb sich Müller als Oberhirte des Bistums Regensburg, in dem er als Ortsbischof rüde und Regeln verletzend mit dem gewählten Gremien in der Diözese umsprang. Allerdings bekämpfte der Rabauke Müller auch beinhart die Lefebvre-Traditionalisten, für die der Retro-Papst Benedikt XVI. eine fatale Schwäche hatte.

Gerhard Ludwig Müller erhält das Kardinals-Birett

Müller steigt von Amts wegen auf – ebenso automatisch wie der progressive Pietro Parolin, den Papst Franziskus zum Kardinalstaatssekretär machte, zum Politikchef des Vatikans. Dasselbe gilt für Beniamino Stella, dem an der Spitze der mächtigen und finanzstarken Kleruskongregation ein rechtskonservativer Vorgänger weichen musste (der von Franziskus im Herbst aufs römische Abstellgleis geschoben wurde), und für Lorenzo Baldisseri. Ihn hat Franziskus dazu ausersehen, aus der bisher undialogischen Weltbischofssynode künftig ein echtes Ratschlag- und Debattengremium für die Kirche zu machen.

Weshalb hält Papst Franziskus an Müller als Glaubens-Chef fest? Müller passt nicht gut zu Franziskus, denn Müller stammt voll und ganz aus der alten Zeit, dem Ancien Regime des Bayernpapstes Benedikt. Papst Franziskus und Müller sind theologisch, seelsorglich und was ihre menschliche Kultur angeht, aus sehr verschiedenem Holz geschnitzt. Doch der Argentinier brachte seit seinem Amtsantritt dem verunsicherten Deutschen Loyalität entgegen – und erntet diese nun vice versa von Müller. Dafür ist eine Belohnung fällig ... Neben Müller hat Franziskus auf ähnliche Weise den konservativen Schwarzwälder Kurienerzbischof Georg Gänswein eingebunden, den Privatsekretär von Altpapst Ratzinger.

Neue Kardinäle »vom Ende der Welt«

Franziskus' Kardinalsernennungen weisen in die Zukunft: Die neuen Kardinäle Jean-Pierre Kutwa aus Abidjan (Elfenbeinküste), Andrew Yeom Soo-jung aus Seoul, Orlando Beltran Quevedo aus Cotabato auf den Philippinen sowie Philippe Ouedraogo aus Ouagadougou im westafrikanischen Burkina Faso konsolidieren die Position armer oder von Rom räumlich und kulturell weit entfernter Kirchen.

Insbesondere stärkt Franziskus die Kirche Südamerikas: Dort lebt mehr als die Hälfte der Katholiken. Auf Lateinamerika entfallen mit 15 traditionellen Kardinalssitzen jedoch nur knapp ein Sechstel aller zur Papstwahl berechtigen Kardinäle.

Eine Überraschung ist die Ernennung des Erzbischofs der immer noch erdbebenzerstörten, haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, Guire Poulard sowie die von Leopoldo Solorzano, dem Erzbischof von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas. Wie erwartet werden Orani Tempesta (Rio de Janeiro), Mario Polli (Buenos Aires), Ricardo Andrello (Chile) und Gerald Lacroix (Quebec) Kardinal.

Kracher in Italien

In Italien hat Franziskus einen Knaller gezündet: Wenige Monate nachdem er im Vatikan die konservativen und Berlusconi-nahen italienischen Amts-Chefs entließ, übergeht er nun die konservativen, vom Altkardinal Camillo Ruini als langjährigem Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) organisierten Kardinalsanwärter in Traditionssitzen wie dem Millionen-Erzbistum Turin. Stattdessen macht er einen Mann aus der Provinz, den Bischof des Städtchens Perugia, zum Kardinal: Gualtiero Bassetti.

Über den Aufstieg Müllers zum Kardinal erhob sich nördlich der Alpen in Reformerkreisen Aufregung – doch sie ist unbegründet, wenn man das Gesamt der Kardinalserhebungen in den Blick nimmt. Es drohte keine Rolle rückwärts.

Franziskus liebt es, zu überraschen. Der Papst vom Ende der Welt – wie er nach seiner Wahl sagte – stärkt die Peripherie und die armen Kirchen. Ein eindeutiges Zeichen setzt er, in dem er den Sekretär des Konzilspapstes Johannes XXIII., den 98-jährigen Loris Capovilla, zum Kardinal ehrenhalber erhebt.

Thomas Seiterich ist Redaktor bei Publik-Forum und Vatikan-Experte. Publik-Forum, die Zeitung kritischer Christen, ist Kooperationspartner vom aufbruch

Themen: News

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