Der Papst sagt "Ich"

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 27. November 2013 18:01:46 MEZ

Papst Franzis

Franziskus will um jeden Preis die katholische Kirche dynamisieren. Dies ist der Kern seines Regierungsprogramms in dem gestern veröffentlichten, 95-seitigen Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium, »Die Freude des Evangeliums«. Aus dem schwerfälligen Öltanker Ecclesia Catholica soll ein Schnellboot werden. Mit einem Papst als Kapitän, der keine devote Mannschaft sucht, sondern ein kreatives Team

Von Thomas Seiterich

Des Papstes Ziel: Er will, dass die Christen sich aufmachen und die befreienden Teile der christlichen Botschaft an allen Hecken und Zäunen der Weltgesellschaft verkündigen. Sein Apostolisches Schreiben bedeutet nichts weniger als einen Aufbruch der römisch-katholischen Kirche in eine offene Zukunft.

Franziskus fordert in seinem ersten großen Rundschreiben an die Welt eine liebevolle »Revolution«: Jede Christin, jeder Christ möge sich in jeder Sekunde des Lebens bewusst sein, dass nur ein offenes Herz und ein offener Blick für andere die Welt verändere.

Doch der Pontifex aus Argentinien ist kein Lyriker. Der Mann kann es auch konkreter: Er sagt »Ich« in wichtigen Passagen seiner 95 Seiten umfassenden Regierungserklärung – und unterscheidet sich damit von sämtlichen Vorgängerpäpsten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1965-1965).

Franziskus' Vorgänger benutzen in ihren Schreiben an die Welt die erhaben-breitbräsige »Wir«-Form. Ein Sprachstil weit über den Köpfen der Leute. Der historische Jesus von Nazareth hätte ihre hohepriesterliche Sondersprache vermutlich nicht verstanden. Und wer kapieren wollte, was der gelehrteste der Gelehrten, der niederbayerische Papst Benedikt XVI., eigentlich genau mit seinen oftmals steilen Worten meinte, der musste »Vatikanologe« sein, zumindest ein bisschen.

Franziskus jedoch facht neuen Wind an. Es ist der Wind of Change. Seine Regierungserklärung trägt seine unverwechselbare Handschrift. Viel vom Charisma des Heiligen Ignatius steckt in dem Text. Dem rastlosen Gründer des Jesuitenordens eifert Papst Franziskus, der seit seiner Jugend diesem Orden angehört, nach: Er will alles tun für die Verkündigung der christlichen Botschaft; er verweigert sich einem theologischen Kreisen der Kirche um sich selbst.

Provokation für die zwanghaft Konservativen

Dass Franziskus in Ich-Form spricht, ist der Schlüssel zum Verstehen seines Apostolischen Schreibens. Damit signalisiert er den Abschied vom monastischen Selbstverständnis des Papsttums. Franziskus glaubt offensichtlich nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten müsse. Damit enttäuscht und provoziert er die Konservativen in der Kirche, die unter den letzten Päpsten Oberwasser hatten und das Papstamt traditionell und teils durchaus museal verstehen.

Auf dogmatische Erläuterungen der Kirchenlehre – ein Lieblingsfeld seines Vorgängers Papst Benedikt – wartet man vergebens. Der Argentinier, der als langjähriger Jesuiten-Oberer und Bischof ein Mann der Praxis und vor allem der Seelsorge war, lässt auch jetzt die Dogmatik rechts liegen. Ihm geht es um anderes: Er will »Dezentralisierung« und meint damit die Einladung an alle Christen und Menschen guten Willens, sich zu beteiligen. Sich beteiligen, sich einmischen, die Kirche nicht den klerikalen Funktionären überlassen: Dazu lädt die Regierungserklärung durchgängig ein.

Revolutionär ist die neue Weise, in der dieser Papst sein Amt versteht: nicht mehr monarchisch und einsam, sondern auf Beratung, gemeinsame Entscheidung angelegt. Er müsse das leben, was er von anderen verlange, und deshalb selber offen sein für Vorschläge, welche die Ausübung des Papstamtes betreffen, schreibt Franziskus. Er will Reformen – jedoch nicht als Selbstzweck. Stets müsse es dabei um die Verkündigung gehen. Dieser Papst strebt einen »Zustand permanenter Mission« an – das meint er mit seinem poetischen Wort von der »Revolution zärtlicher Liebe«.

Aufbruch statt Windstille

Es geht Franziskus vor allem um Dynamik. Nach der Windstille unter Benedikt, nach der Lähmung der späten Jahre unter Johannes Paul II., der Depression unter Paul VI. gibt nun Franziskus eine neue, klare Linie vor: »Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.« Verausgabung statt Selbstsorge, Risiko statt Versicherung, gläubiger Optimismus anstelle von Rückzug.

Was Franziskus am meisten verabscheut, ist die unter Kirchenfunktionären anzutreffende »egozentrische Selbstgefälligkeit«. Unter anderem auch deshalb schreibt der Papst einfach. »Den Priestern sei gesagt, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer ist«, schreibt er. Bei allem kirchlichen Tun und Lassen komme es auf die Haltung an, »dass Gottes Liebe zu den Menschen durchscheine«. Es gebe im Glauben und in der Kirche nur ganz wenige unabdingbare Vorschriften, so zitiert er den Champion mittelalterlicher Gelehrsamkeit, den »Doctor Angelicus«, Thomas von Aquin. Mit Franziskus bricht Neues an. Der Unterschied zu den Amtsvorgängern, unter denen Reaktionäre und die zwanghaft Konservativen innerkirchlich aufgewertet wurden, könnte kaum größer sein.

Thomas Seiterich ist Vatikan-Experte und Redakteur bei Publik-Forum

Themen: News

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