Falsche Schwulen-Lobby im Vatikan

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 20. Juni 2013 21:16:04 MESZ

Schwule Männer fühlen sich von der Schwulen-Lobby im Vatikan in keiner Weise vertreten. Im Gegenteil, der Begriff "Schwulen-Lobby" ist zynisch und sorgt für eine weitere Dämonisierung von gleichgeschlechtlicher Menschen.

Von Peter Lack

R0019462Papst Franziskus hat in einem Gespräch mit lateinamerikanischen Ordensleuten von einem Netzwerk korrupter Priester innerhalb des Vatikans berichtet. Dieses behindere gewünschte Reformen, sei eine geheime Macht, die die offiziellen kirchlichen Strukturen unterwandere: „In der Kurie gibt es fürwahr heilige Leute. Aber es gibt auch eine korrupte Strömung. Man spricht von einer ‹Schwulen-Lobby› und es stimmt, sie existiert». Das berichteten kürzlich mehrere Zeitungen.

Schwul steht für das Selbstverständnis männlicher Homosexueller, die sich offen zu ihrer Sexualität bekennen. Einst ein abwertendes Schimpfwort, wurde es im Zug der Emanzipierung positiv umgedeutet und für eine eigene Art des sexuellen Begehrens verwendet. „Schwul“ war immer auch Ausdruck für die politisierte Form gleichgeschlechtlichen Begehrens und Zusammenlebens einschliesslich der sexuellen Begegnung jenseits bürgerlicher Konventionen.

Lobbying bezeichnet die Interessensvertretung von Personen oder Gruppen in Gesellschaft und Politik. Schwules oder gay Lobbying wäre demnach der Einsatz für die Rechte schwuler Männer (und heute auch lesbischer, bisexueller , und trans-Menschen) die sich in dieser emanzipatorisch-bürgerrechtlichen Tradition sehen.

Die römisch-katholische Kirche kann aufgrund ihrer grundsätzlichen Ablehnung homosexuellen Verhaltens nichts mit „Schwulen“ und ihren Anliegen anfangen. Was sie wollten (rechtliche Gleichstellung, Partnerschaft, Ehe etc.), wurde radikal abgelehnt. Dies trifft auch auf Erzbischof Bergoglio zu, den heutigen Papst Franziskus, der sich anlässlich der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Argentinien eindringlich gewehrt hat. Er sprach von „einem Versuch, Gottes Plan zu zerstören, eines Gesetzes, des Vaters der Lüge, der die Kinder Gottes verwirren und verführen will.“

rom 248 Foto: Wolf Südbeck-Baur

Eines ist sicher: Schwule Männer fühlen sich von dieser vatikanischen Schwulen-Lobby in ihren Anliegen nicht vertreten. Schlimmer noch: die Wortwahl setzt die Verunglimpfung und Dämonisierung schwuler Männer und lesbischer Frauen fort , wie sie auch von Kardinal Bergoglio persönlich vertreten wurde.

„Schwule Lobbyisten“ (und lesbische, bisxuelle und trans) stehen den kirchlichen Reformwünschen sicher nicht im Wege. Diese werden vielmehr verunmöglicht aufgrund der kirchlichen Haltung Schwulen und Lesben gegenüber, durch die Zolibätsverpflichtung und durch Strukturen, die einen bewussten, reifen Umgang mit Sexualität verhindern. Nix Schwulenlobby also im Vatikan. Schade eigentlich!

Peter Lack ist Theologe und Ethiker

 

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