Seligsprechung im Stadion: Pater Pino Puglisi - von der Mafia ermordet. Vom Volk geliebt

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 21. Mai 2013 um 15:45:29 MESZ

Don-Pino-Puglisi1Seligsprechungen mögen den allermeisten kritischen Christinnen und Christen als völlig überholt erscheinen. Doch manchmal macht solch eine Seligsprechung Sinn: das ist am 25.Mai in der sizilianischen Metropole Palermo der Fall. Da der neue Selige Padre Pino Puglisi so ungemein populär ist, muss die Festmesse aus dem Dom in das grösste Fussballstadion der Stadt verlegt werden. Dort finden rund 37 000 Mitfeiernde Platz.   

Als letzten Juli die Nachricht aus Rom in der sizilianischen Metropole Palermo eintraf, Padre Giuseppe »Pino« Puglisi werde am Samstag, den 25.Mai seliggesprochen, war den gläubigen wie den ungläubigen Palermitanern gleich klar: Der Dom ist für den Festgottesdienst zu klein, ebenso die Grossmarkthallen. Die Seligsprechung muss in der grössten Arena Siziliens stattfinden, dort, wo sonntags in den berühmten rosa Trikots der italienische Erstligist US Palermo kickt, im städtischen Fussballstadion Renzo Barbera mit knapp 37 000 Plätzen.

Gleich in den ersten Tagen besorgten sich über 25 000 Menschen Eintrittskarten für die Seligsprechung. Der örtliche Märtyrer, Pater Pino Puglisi, ist ungemein populär auch gut 25 Jahre, nachdem ihn Mafia-Killer an der Türschwelle seines Pfarrhauses ermordeten. Puglisi war Jugendpfarrer. Nun hat Palermo in ihm einen Seligen gegen die Mafia. »Alle Jugendgruppen der Stadt setzen sich mit seinem Leben auseinander«, sagt Maria Besco, Jugendarbeiterin in der Domgemeinde. Ich lernte Pater Puglisi bei einem Treffen italienischer Basisgemeinden in den 1980er Jahren kennen. Für mich war er ein ganz normaler, süditalienischer Jugendpfarrer, der versuchte, den perspektivlosen Jugendlichen so etwas wie eine Perspektive zu geben.

Im armen palermitaner Altstadtviertel Brancaccio war er geboren. Dort sammelte später der Geistliche die gefährdeten, arbeitslosen Jugendlichen. Er stellte ihnen die tödliche Ausweglosigkeit vor Augen, die aus dem Eintritt in die Mafia folgt – etwa als Eckensteher oder Kurier. »Ihr kommt da nie mehr raus«, warnte er. Deshalb hielt Puglisi die Teens aus den öden Mietskasernen davon ab, kleine Drogendealer im Auftrag der Mafia zu werden. Er hatte Erfolg. Auf der Kanzel der Pfarrei in Brancaccio,  San Gaetano, predigte er gegen den Mafiaterror und die Omertá, das verängstigte Schweigen vieler Sizilianer. In der Sonntagsmesse griff er oft die Cosa Nostra und ihre lokalen Vertreter an, die häufig im Gottesdienst persönlich anwesend waren,. Er verurteilte scharf die Brüder Filippo und Giuseppe Graviano, die die Mafiafamilie von Brancaccio leiteten. Er scheute sich auch nicht, die Korruption in der Stadtverwaltung anzuprangern und Namen zu nennen. So geriet er zunehmend in Konflikt mit der Cosa Nostra, die ihre Macht in Brancaccio zunehmend bedroht sah.

Anfang 1993 startete Padre Pino Puglisi das Centro Padre Nostro, das »Vaterunser-Zentrum« für »Bildung und Evangelisierung. Die Jugendlichen feierten ihren dynamischen Priester als Helden. Sie gaben Puglisi den Spitznahmen 3P, gesprochen TréPí, nach seinen Initialen Doch in der Nacht des 2.Juni 1993 mauerten Unbekannte das Vaterunser-Zentrum zu mit Mörtel, Abfällen und  Schutt– die ultimative Warnung der Mafia.

Im Mai 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. Sizilien. In einer spontanen Rede vor rund 150 0000 Menschen in der Provinz Agrigent verurteilte er scharf die Mafia und ihre Verbrechen. Die Mafia rächte sich unter anderem mit einem verheerenden Bombenattentat im päpstlichen Lateran-Palast in Rom sowie durch die Tötung von Padre Puglisi.

An seinem 56. Geburtstag, dem 15.September 1993 lauerten Mafia-Killer vor Puglisis Pfarrhaustür in Brancaccio. Als der Priester ins Freie tritt, erschiessen sie ihn. „Damit habe ich gerechnet“, waren seine letzten Worte, wie einer der Mörder später beim Prozess aussagte. Vier Jahre nach der Tat gesteht der Mafioso Salvatore Grigoli 46 Morde, darunter den Priestermord an Puglisi. Weil der Mörder mit der Justiz kooperiert, kommt er schon nach zwei Jahren frei.

Pino Puglisi ist bis heute unter den kleinen Leuten des italienischen Südens so populär, weil er ein »Priester von unten« war. Seine Mutter arbeitete als Zuschneiderin, der Vater als Schuhmacher. Puglisi kämpfte für eine radikale Umkehr seiner Kirche, gegen die stille Tolerierung der Mafia. »Wenn jeder das tut, was er kann, werden  wir die Mafia besiegen«, lautete sein Mutmacher-Wort.

Als Seliger wird er von vielen Christen und Gemeinden verehrt werden, vor allem im Mezzogiorno und vor allem von denen, die sich der Mafia entgegen stellen. Symbolisch bedeutet seine Ehrung als Seliger durch die Kirche: Padre Pino Puglisi – presente.

Thomas Seiterich, Redaktor des aufbruch-Kooperationspartners Publik-Forum

Kontakt: beatificazionepuglisi@diocesipa.it

 

Themen: News

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