Herausforderer für das Schablonendenken

Publiziert von Wolf Südbeck-Baur am 20. März 2013 16:54:40 MEZ

Papst Franziskus SJ kommt aus dem Jesuitenorden. aufbruch-Redaktor Lukas Niederberger ist selbst ehemaliger Jesuit. Seine Papst-Einschätzung fällt weder unkritisch noch vernichtend aus.

Lukas Niederberger war von 1985-2007 Mitglied im Jesuitenorden

Freude und Verunsicherung. Was hältst du als ehemaliger Jesuit vom neuen Papst? Dieser Frage begegne ich seit einer Woche am laufenden Band. Schon wenige Minuten nach Bergoglios Wahl erhielt ich erste SMS von Freunden, die mir gratulierten, dass ein Jesuit Papst wurde. Nach einer Woche kann und will ich kein Urteil fällen, sondern kann nur persönliche Wahrnehmungen, Fragen und Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Ich stelle fest, dass der neue Papst alle Seiten verunsichert, nicht nur die Gardisten, die die Bäder ihres Chefs in der Menge ein Albtraum sind. Verunsichert sind auch Traditionalisten, die nun um ihre vatikanischen Unterstützer fürchten. Und verunsichert sind ebenso die vielen Kritiker, die ihre innerliche und/oder äusserliche Emigration aus der Kirche mit dem päpstlichen Kurs begründeten und nun fürchten, dass die Basis ihrer Argumentation bröckeln könnte. Die zahlreichen unkonventionellen Gesten der ersten Papstwoche kommen in den Medien gut an. So wie der Einsiedler Abt, der mit dem Kickboard zur ersten Pressekonferenz erschien, aber in moralischen Fragen genau so denkt wie alle bisherigen Päpste.

Papst Franziskus und Gardist

Fahnen im Wind. Dass das Kardinalskollegium Bergoglio so rasch mit einer Zweidrittels-Mehrheit gewählt hat, zeigt, dass der Ruf nach Reformen an der Kirchenspitze angekommen zu sein scheint und dass auch viele Kardinäle die Machtspielchen im Vatikan satt haben. Nun ist zu hoffen, dass die Bischöfe, die bisher immer mit der Begründung der Papsttreue die wojtyla-ratzinger'sche Theologie verteidigten, mindestens so treu die bergoglionische soziale Linie verteidigen werden - auch den bürgerlichen C-Politikern gegenüber, die jedes Mal mit dem Austritt oder mit der Abschaffung der Kirchensteuer drohen, wenn sich die Kirche in sozialen Fragen äussert. So wie im Bistum Basel viele Priester jahrelang im reaktionären Treue-Club von Kurt Koch auf eine Karriere hofften und nun die offenere Linie von Felix Gmür loben und Koch keine Träne nachweinen, so hoffe ich sehr, dass viele Bischöfe und Priester sich auf die Linie von Franziskus einlassen werden. Natürlich kann man diese klerikale Treue als mutlosen Opportunismus kritisieren, aber wenn der Wind nun tatsächlich nach 30 Jahren anders zu wehen beginnt, dann kann ich mit den vielen Fahnen durchaus leben.

Homos und Abort. Dass Papst Franziskus Homosexualität und das Recht auf Abtreibung verurteilt, obwohl er gleichzeitig offen ist für soziale Fragen, erscheint manchen auf der Nordseite von Äquator und Alpen als Widerspruch. Diese Haltung sprengt das Schablonendenken sowohl bei Progressiven als auch bei Konservativen. Dass 76-jährige zölibatäre Priester den primären Sinn von Sexualität noch immer in der Fortpflanzung sehen und sich auch nicht vorstellen können, dass Abtreibung in bestimmten Situationen das kleinere Übel darstellt, hängt weitgehend mit ihrer konkreten Lebensform sowie einer Überdosis Moraltheologie zusammen. Dass jedes Menschenleben eine absolute Würde und einen unantastbaren Wert hat, finden friedensbewegte Linke auch. Aber in der Frage der Abtreibung sind nicht Verurteilungen, Verbote und moralische Appelle nötig, sondern breit angelegte Unterstützung durch die gesamte Gesellschaft. Wir sind noch weit weg von einer kinder- und familienfreundlichen Politik und Wirtschaft. Vielleicht wird sich in dieser Frage die Sicht von Franziskus ja auch noch etwas bewegen lassen. Vor allem wenn er im Geheimdossier lesen wird, dass sich einige der 20% homosexuellen Priester auch auf vatikanischem Boden befinden.

Verrat und Umkehr. Dass Pater Bergoglio als Oberer der argentinischen Jesuiten von 1976-1983 mit der Militär-Junta kollaborierte, bestreitet der neue Papst. Das ist sicher gelogen, zumal er ja auch manche Priester und Nonnen aus der Hand der Junta befreien konnte. Vermutlich ist seine Rolle ähnlich zu sehen wie jene von Pius XII. gegenüber dem Dritten Reich. Da ich Ende der 80-er Jahre beim Meditationslehrer und Jesuit Franz Jalics mehrmals Kontemplationskurse besuchte, erschrak ich, als ich Bergoglio bei der Papstwahl auf dem Balkon sah. Franz Jalics erzählte uns jungen Jesuiten damals ausführlich über seine Zeit im Militärgefängnis. Er erzählte, dass ihn Bergoglio als Kommunist denunziert hatte. Bergoglio teilte ebenfalls dem Ordensgeneral Pedro Arrupe in Rom noch während Jalics Verschleppung 1976 mit, Jalics sei aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen worden. Jalics erzählte uns, wie er fünf Monate lang mit verbundenen Augen gefangen und mehrmals zur Exekution geführt wurde. In dieser Zeit lernte er zu meditieren und konnte so das Trauma halbwegs überstehen. Vielleicht war Bergoglios Versagen in dieser schwierigen Zeit ja auch ein Auslöser dafür, dass er seither gegenüber der Politik klarer auf der Seite der Armen steht. In den letzten Jahren hat er jedenfalls die Kirchners wiederholt angegriffen wegen der Armut und Korruption in Argentinien. Befremdet bin ich aber darüber, dass und wie rasch die Jesuiten nach der Papstwahl für eine papstfreundliche Stellungnahme von Jalics auf der Jesuiten-Webseite sowie für eine Änderung der Einträge über Franz Jalics auf Wikipedia sorgten. Damit kultivierte die deutsche Ordensleitung leider nur die negativen Klischees über die Jesuiten von wegen verschlagen, durchtrieben und intrigant.

Papst-Franziskus und Kardinäle

Reform der Kurie. Den vatikanischen Stall des Augias wird Franziskus nicht so rasch ausmisten. Johannes Paul I. starb schon nach 33 Tagen im Amt, weil ihm die Herkules-Aufgabe wohl zu riesig erschien. Johannes Paul II. kapitulierte auch sehr schnell gegenüber der Kurie und floh über hundert Mal ins Ausland. Benedikt XVI. war selber ein Mann des Establishments und hatte nicht die nötige Distanz, um ganze Sekretariate oder Kongregationen abzuschaffen oder zu reformieren. Franziskus wird es auch nicht leicht haben, denn das Problem ist nicht nur personeller, sondern struktureller Natur. In den letzten 30 Jahren war es für die Ordensoberen immer ein Horror, wenn ein Papst sie um Priester und Patres für irgendwelche vatikanischen Sekretariate bat. Weil die Ordensoberen und auch viele Bischöfe von den vatikanischen Stellen wenig bis nichts hielten, sandten sie jene Leute nach Rom, die man in der Pastoral daheim nicht brauchen konnte. Darum gibt es sogar Bischöfe, die der Meinung sind, dass nur eine gewaltige Bombe eine Veränderung im Vatikan bewirken könnte. Das Auswechseln von ein paar Köpfen wird nicht genügen. Die Frage wird sein, ob Franziskus das Vertrauen von Ordensoberen und Bischöfen gewinnen kann, die ihm nun die besten Leute geben, um an der Kirchenspitze tatsächlich etwas positiv ändern zu können. Bei der dünnen Personaldecke wird das nicht leicht sein. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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