Vom Aufstand des Gewissens

Publiziert von Webmaster am 13. Dezember 2012 13:02:06 MEZ

Trotz düsterer Analyse und schonungsloser Kritik an den Nahrungsmittelspekulanten versteht Jean Ziegler sein neues Buch "Wir lasen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt" als Plädoyer für die Hoffnung. 

Interview: Wolf Südbeck-Baur

Nach Schätzungen der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, leiden derzeit eine Milliarde Menschen an Hunger. Im Vorwort Ihres neuen Buches „Wir lassen sie verhungern“ sagen Sie, der Hunger ist das Werk von Menschen und Sie fragen, wie erschlagen wir das Ungeheuer? Ihre Antwort?

ziegler Jean Ziegler war der erste UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Heute ist der Soziologe Vizepräsident des beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrat. Unter dem Titel „Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt" hat er sich nun seine Erfahrungen als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung von der Seele geschrieben

Jean Ziegler: Hunger ist von Menschen verursacht, die mörderischen Mechanismen und die Verantwortlichen sind identifizierbar. Doch trotz des düsteren Titels ist mein neues Buch ein Buch der Hoffnung, weil der Mensch als Verursacher der Mechanismen des Hungers - Lebensmittelspekulation, Agrarpreisdumping, Landraub, Biotreibstoffe etc. - diese auch durchbrechen kann. Aufgrund moderner Anbaumethoden könnte die Erde heute, so sagt die FAO, problemlos 12 Milliarden Menschen mit 2200 Kalorien Tagesbedarf ernähren. Hunger ist also keine Frage des Schicksals, sondern der Verteilung und des Zugangs zu Nahrungsmitteln. Darum sage ich: Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57000 Menschen insgesamt verhungern täglich. Eine Milliarde sind unterernährt.

Welchen Rang nimmt Hunger auf der Skala der Todesursachen ein?

Jean Ziegler: Jedes Jahr sterben weltweit insgesamt 70 Millionen Menschen, ein Prozent der Weltbevölkerung. Davon gehen 18,2 Millionen auf das Konto des Hungers und der entsprechenden Folgekrankheiten. Mit anderen Worten: Hunger ist bei weitem die häufigste Todesursache auf diesem Planeten, dessen überquellenden Vorräte und Ressourcen für die Ernährung von 12 Milliarden Menschen ausreichen würde.

Sie konstatieren den Ruin des Welternährungsprogramms und sprechen von der Ohnmacht der FAO.  Warum versagt die internationale Gemeinschaft?

Jean Ziegler: Grund ist die Diktatur der Konzerne. 10 multinationale Konzerne  kontrollieren 85 Prozent aller auf der Welt gehandelten Nahrungsmittel. Sie haben eine Macht, die jenseits jeder normativen Kontrolle staatlicher und internationaler Organe und Institutionen bewegt. Sie haben eine Macht, wie sie noch nie in der Menschheitsgeschichte ein Kaiser, ein König, ein Präsident oder Papst gehabt hat. Diese zehn Konzerne entscheiden durch die Preisbildung jeden Tag darüber, wer isst und lebt und wer hungert und stirbt. Dabei ist alles völlig legal, aber letztlich mörderisch. Es geht um die kannibalische Weltordnung, nicht um Psychologie.

"Grund für das Versagen der internationalen Gemeinschaft ist die Diktatur der Konzerne. 10 multinationale Konzerne kontrollieren 85 Prozent aller auf der Welt gehandelten Nahrungsmittel. Sie haben eine Macht, wie sie noch nie in der Menschheitsgeschichte ein Kaiser, ein König, ein Präsident oder Papst gehabt hat."

Im Dschungel des Raubtierkapitalismus handeln diese Konzerne nach der Maxime der Profitmaximierung. Würde Peter Brabeck, Präsident des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, übrigens ein zivilisierter kluger Mann, die Rendite nicht jedes Jahr um einige Prozent steigern, wäre er nach drei Monaten nicht mehr Präsident von Nestlé. Der Philosoph Jean Paul Satre sagt: "Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt." Diese kannibalische Weltordnung können wir mit den Mitteln der Demokratie brechen. In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht.

Ein wesentlicher Grund für die ungleiche Verteilung ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln? Zunächst, wie läuft das konkret ab?

Jean Ziegler: Vorbemerkung: Nach der Finanzkrise 2007/8 sind die grossen Banken und Hedgefonds auf die Spekulation an den Rohstoff- und Nahrungsmittelbörsen umgestiegen. Goldman Sachs zum Beispiel offeriert Derivate für Zucker, Soja, Weizen, Reis und Mais. Völlig legal werden der zahlungskräftigen Kundschaft short sellings, Termingeschäfte etcetera angeboten, mit denen sie astronomische Gewinne einfahren. Weitere Konsequenzen sind in der Folge die Explosion der Weltmarktpreise für die Grundnahrungsmittel. So ist der Preis für eine Tonne Mais in diesem Jahr um 63 Prozent gestiegen, für eine Tonne Reis von 122 auf 1100 Dollars. Ebenso hat sich der Preis für eine Tonne Weizen innert Jahresfrist verdoppelt. Konsequenz: in den Kanisterstädten der Welt, in den Slums von Karachi, den Favelas von Sao Paolo oder Mexiko-City, wo laut Weltbank 1.2 Milliarden Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, werden zusätzlich zu den Opfern des täglichen Massakers  laut Weltbank 162 Millionen Menschen mehr in Abgrund des Hungers gerissen, weil die Mütter die explodierenden Reispreise etwa nicht mehr bezahlen können.

Gehören Warenterminkontrakte auch in die Sphäre der Spekulation?

"In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Wir können jeden dieser mörderischen Mechanismen der Massenvernichtung mit den Mitteln der Demokratie in die Schranken weisen."

Jean Ziegler: Nein. Denn das sind keine Leerverkäufe, sondern traditionelle, wirtschaftlich vernünftige Termingeschäfte. Der Bäcker in New York zum Beispiel will wissen, zu welchem Preis er das Getreide zu einem bestimmten Zeitpunkt einkaufen kann, und der Weizenbauer in Argentinien etwa will wissen, zu welchem Preis er verkaufen kann. Beide brauchen Planungssicherheit und fixieren einen bestimmten Preis, um für den nächsten Produktionszyklus kalkulieren zu können. Diese Art von Termingeschäften zählt seit Jahrhunderten zum Einmaleins des Wirtschaftens, obgleich sie ein spekulatives Element enthalten, das sich im Verlauf der Jahre aber immer wieder ausgleicht. Aber die gegenwärtige Börsenspekulation mit Nahrungsmitteln durch die Hedgefonds hat mit diesem Vorgang nichts zu tun.

Welche Rolle spielen die Spekulanten an den Nahrungsmittelbörsen?

Jean Ziegler: Sie machen sich seit 2009 neu die so genannte Finanzialisierung zu Nutze. Das bedeutet: die Grossspekulanten kaufen Warenterminkontrakte auf und verkaufen sie wieder weiter, belehnen sie, verkaufen sie weiter  und so weiter. So werden die Preise etwa für Weizen künstlich höher und höher getrieben. Futures heissen diese Art der Wertpapiere. Laut Heiner Flassbeck, dem Chefökonomen der UNCTAD und früheren Staatssekretär im deutschen Finanzministerium, ist das an den Nahrungsmittelbörsen agierende Spekulativkapital 42 mal grösser als der Wert aller gehandelten Waren. Dieses Kapital der Nahrungsmittelspekulanten jagt die Preise in die Höhe, schafft unglaubliche Profite und fürchterliches Elend.

Sehen Sie realistische Chancen, die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel zu verbieten?

"Wenn Bundesrätin Eveline Widmer Schlumpf im Februar an die Generalversammlung des Internationalen Währungsfonds geht, können wir sie zwingen, nicht mehr für die Gläubigerbanken in Zürich, Frankfurt oder London zu stimmen, sondern für die verhungernden Kinder, das heisst für die Totalentschuldung der ärmsten Länder zu votieren."

Jean Ziegler: Auch wenn offen ist, wie sich das Kräfteverhältnis zwischen Spekulanten und der erwachenden Zivilgesellschaft entwickelt, ist die unglaubliche Macht der Spekulanten mit ihren Finanz- und Börsenspezialisten Fakt. Symptomatisch sind die Ereignisse im Oktober 2011. Damals hatte Präsident Sarkozy am 6. Oktober im Fernsehen angekündigt, Frankreich werde beim Gipfel der G20-Länder verbindliche Regulierungen für die Akteure an den Nahrungsmittelbörsen zur Eindämmung der Spekulation verlangen. Drei Wochen später war das Traktandum in Cannes gestrichen, weil in der Zwischenzeit die Nahrungsmittelspekulanten im Elysee-Palast unter Hinweis auf die Kräfte des freien Marktes interveniert hatten.

 Das klingt desillusionierend. Gleichwohl trägt das letzte Kapitel Ihres neuen Buchs die Überschrift „Die Hoffnung“. Was nährt Ihre Hoffnung angesichts der wachsenden Vermögen der weltweit 1210 Milliardäre?

Jean Ziegler: Was mir zur Hoffnung Anlass gibt, ist das Erwachen des Bewusstseins. In der Schweiz haben die Jungsozialisten im Oktober eine Verfassungsinitiative lanciert für einen neuen Artikel 98. Danach ist Nahrungsmittelspekulanten sowie institutionellen Anlegern  mit Sitz oder Niederlassung in der Schweiz zu untersagen, weltweit  in Finanzinstrumente wie zum Beispiel Hedgefonds oder strukturierte Finanzinstrumente zu investieren, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen. Das soll für alle gelten, die keine Nahrungsmittelerzeuger oder -verarbeiter sind. Ich unterstütze diese Verfassungsinitiative sehr und hoffe stark, dass sie erfolgreich ist.

Nun wird eine solche Initiative allein die Nahrungsmittelspekulation kaum stoppen können...

"Das neue Buch ist der Erlebnisbericht dieser Jahre. Heute kann ich endlich frei sagen, wer die Halunken sind, weil ich nun nicht mehr mit korrupten Staatschefs verhandeln muss. Ein weiterer Grund für mein Engagement ist: ich kenne die Opfer."

Jean Ziegler: Völlig richtig, aber die Initiative steht nicht isoliert da. In Spanien steht seit Mai ein Gesetzentwurf zur Diskussion, der dasselbe will. Ein weiteres ermutigendes Zeichen der Hoffnung sind die Pläne von attac in Deutschland, einen entsprechenden Gesetzentwurf im Bundestag einzubringen. Es ist etwas im Gang.

Sie hoffen demnach auf solche Initiativen?

Jean Ziegler: In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Wir können jeden dieser mörderischen Mechanismen der Massenvernichtung mit den Mitteln der Demokratie innert kürzester Zeit in die Schranken weisen. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind verhungert, hunderte Millionen Tonnen Nahrungsmittel als Treibstoff zu verbrennen. Wir können von unseren nationalen Parlamenten verlangen, dass die Gesetze revidiert werden, wir können eine Neuordnung der Zolltarife verlangen, die die Privilegien für den Import von Biotreibstoffen beseitigen, wir können die Entschuldung der ärmsten Länder der Dritten Welt vorantreiben, indem wir andere Volksvertreter als Wolfgang Schäuble oder Eveline Widmer Schlumpf  in die internationalen Gremien delegieren. Wenn sie im Februar an die Generalversammlung des Internationalen Währungsfonds gehen, können wir sie zwingen, nicht mehr für die Gläubigerbanken in Zürich, Frankfurt oder London zu stimmen, sondern für die verhungernden Kinder, das heisst für die Totalentschuldung der ärmsten Länder zu votieren.

Jean Ziegler, Ihre Energie im Kampf gegen den Hunger auf der Welt ist unermüdlich. Was ist die Quelle für Ihr Engagement?

Jean Ziegler: Ich glaube an Gott, ganz einfach gesagt, und Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen, ein Gedanke, der schon Franz von Assisi zugeschrieben wird. Dazu kommt: Ich bin ein Privilegierter unter Privilegierten, gehöre zu den 13,2 Prozent Weissen, die diesen Planeten seit 500 Jahren beherrschen, bin in bürgerlichem Milieu aufgewachsen, habe eine liebevolle Familie, eine gute universitäre Ausbildung, war Professor mit allen akademischen Freiheiten, meine Bücher erscheinen in grossen Verlagen, hatte ein Parlamentsmandat und war während acht Jahren Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Das neue Buch ist der Erlebnisbericht dieser Jahre. Heute kann ich endlich frei sagen, wer die Halunken sind, weil ich nun nicht mehr mit korrupten Staatschefs verhandeln muss. Ein weiterer Grund für mein Engagement ist: ich kenne die Opfer.

Was kann der Einzelne im Kampf gegen den weltweiten Hunger tun?

Jean Ziegler: Er kann drei Dinge tun. Erstens: Wer ein wenig Geld hat, soll das spenden an die Welthungerhilfe, an Fastenopfer, Brot für alle, Caritas oder terre des hommes, an Organisationen, die humanitäre Soforthilfe leisten. Zweitens: als Verbraucher kann ich sehr viel tun: keine gentechnisch veränderten Nahrungsmittel kaufen, fair gehandelte Produkte kaufen, regional und saisonal einkaufen, Drittweltläden unterstützen und so wenig Fleisch wie möglich essen. Die dritte Ebene ist die der demokratischen Mobilisation, um mit den demokratischen Mitteln die genannten Mechanismen der Massenvernichtung zu brechen zum Bespiel mit der Unterstützung von entsprechenden Initiativen. Die Bundesverfassung gibt den Bürgern alle demokratisch nötigen Waffen in die Hand. Diese gilt es zu nutzen. Alles, was es braucht, ist der Aufstand des Gewissens.

 

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